Sven Regener

Unterwegs im Kreuzberger Universum mit Herrn Lehmann

Mit Sven Regener und Herrn Lehmann zurück nach West-Berlin: In "Wiener Straße" ist es ein bisschen wie immer, aber doch ganz anders.

"Wiener Straße" ist der fünfte Roman seines Lehmann-Serials: Sven Regener (56)

"Wiener Straße" ist der fünfte Roman seines Lehmann-Serials: Sven Regener (56)

Foto: Charlotte Goltermann

Herr Müllers Gesicht ist rot, die riesigen Koteletten und das Haar sind grau. Er ist ein sympathischer Trinker, der seinem Beruf als Weinverkäufer in einem Getränkegroßhandel mit Leidenschaft nachgeht. Mit großer Vorfreude erblickt er Erwin Kächele, Besitzer des Café Einfall in der Wiener Straße, in den Gängen der Halle. Der Besuch eines Gastronomen garantiert Umsatz und verspricht abwechslungsreiche Verköstigung. Müllers Plan geht auf: Die beiden trinken sich langsam, aber sicher zu. Am Ende wird sich Erwin Kächele für den Chateau Strunzinger entscheiden – die Weinmarke, die er ohnehin von Anfang an nehmen wollte.

Eine exzellente Wahl habe Erwin Kächele getroffen, findet Herr Müller, denn der Chateau Strunzinger neben vielen anderen Vorteilen ("gut und billig") hat er auch einen Schraubverschluss, und der Schraubverschluss, da ist sich Herr Müller sicher, "ist die Zukunft, das können Sie jedem sagen". Je stärker sich der Alkohol bemerkbar macht, desto euphorischer und insistierender wird Herr Müller in der Schraubverschlussfrage: "Der ist einfach nur praktisch und gerade bei Weißwein völlig angemessen". Nicht vorstellbar ist nach der Lektüre von "Wiener Straße" jemals wieder eine Weinflasche zu öffnen und nicht wie Herr Müller so etwas vor sich hinzumurmeln wie "der Schraubverschluss muss kein Zeichen von billig sein".

Sven Regener hat eine weitere Folge seiner Kreuzberger Heimatromane verfasst. In den Räumen des Künstlerkollektivs der ArschArt-Galerie im Jahr 1980 ist eine Vernissage in Vorbereitung, im Café Einfall versucht Besitzer Erwin Kächele standhaft, aber doch erfolglos den Verkauf von Kuchen zu verhindern, der Künstler H. R. läuft mit Grabgabel und Kettensäge durch Kreuzberg ohne für größeres Aufsehen zu sorgen. Es ist also ein bisschen wie immer, aber doch ist es dieses Mal ganz anders.

In den gut 15 Jahren seines literarischen Wirkens hat Sven Regener ein eigenes kleines Universum erschaffen. "Wiener Straße" ist in seiner panoramatischen Darstellung der Gegenwart wie eine Folge von epischen Serien wie "House of Cards" oder den "Sopranos". Auch hier tritt ein beträchtliches Personal auf, auch hier rücken Nebenfiguren nach vorne, auch hier begleitet der Konsument die einzelne Darsteller mit unterschiedlichen Sympathien, auch hier verpasst er Bezüge und Hinweise, wenn er die anderen Bücher respektive Serien nicht kennt.

"Kann ick helfen oder wollnse bloß ma allet anfassen?"

"Wiener Straße" ist der fünfte Roman des Lehmann-Serial. 2001 erschien das Debüt "Herr Lehmann", es spielt im Herbst 1989. Die Mauer fällt, eine DDR-Bürgerin kommt nach Kreuzberg und sagt: "Das sieht hier ja aus wie bei uns". In Regeners zweitem Roman "Neue Vahr Süd" muss Frank Lehmann zur Bundeswehr und macht sich am Ende nach Berlin auf. Der dritte Roman "Der kleine Bruder" schließt daran an, es ist 1980, zwei Tage im Herbst, in denen Frank Lehmann seinen großen Bruder Manfred sucht.

2013 macht in "Magical Mystery" Sven Regener eine Nebenfigur zur Hauptfigur. Karl Schmidt, Lehmanns bester Freund in alten Zeiten, lebt Mitte der 90er-Jahre in Hamburg in einer drogentherapeutischen Einrichtung und kann sein früheres Ich beim Blick auf die alten Fotos kaum wiedererkennen ("ich war gut drauf gewesen damals. Nicht der Hellste, aber gut drauf"). Nun geht er auf eine Reise, auf der er beste Chancen hat rückfällig zu werden – er ist Mädchen für alles auf einer Techno-Rave-Tour.

Der nun erschienene Roman "Wiener Straße" geht zurück in das Jahr 1980 und setzt "Der kleine Bruder" fort. Der Ton ist rau und beherzt, so wie Ansprache eines Bauhaus-Verkäufers, der den Kunden fragt: "Kann ick helfen oder wollnse bloß ma allet anfassen?" Die Zugezogenen scheinen vor allem das Ziel zu verfolgen, sich nicht von oberschlauen Alteingesessenen einschüchtern zu lassen. Chrissie, die neue Kneipenkraft im Cafe Einfall, ist in diesem Vorhaben besonders ehrgeizig. Erwin Kächele hatte sie gegen seine Überzeugung nur eingestellt, weil sie seine Nichte ist. Seit sie am Tresen steht, verlässt die Kneipe kein Gast unangeschnauzt. Irgendwann kann Chrissies Mutter das Gemotze nicht mehr ertragen und möchte ihrer Tochter am liebsten eine runterhauen.

In Regeners Universum gibt es aber auch Lakoniker, Liebenswerte, Fleißige. Einer davon ist Journalist André Prohaska, der beim ZDF so etwas wie Fachmann für Geschichten über das heruntergekommene West-Berlin ist. Er möchte über die bevorstehende Vernissage berichten, was nicht einfach ist. Am Eingang bepöbeln ihn Punks und während des gesamten Drehtermins führt er einen beharrlichen Stellungskampf gegen Kameramann und Tonmann, die unermüdlich versuchen jeder Arbeit auszuweichen. "Irgendwie war die Welt aus den Fugen geraten und er, André Prohaska, bekam alles ab, dachte er". Aber er erlebt auch schöne Momente, so zum Beispiel, als er dem kurz zuvor noch so selbstgewissen Chef von ArschArt vorschlägt auf dem Dach des Hauses das Interview zu führen: "Prohaska war keiner, der unter Höhenangst litt, aber er erkannte einen, wenn er ihn sah."

Berlin der 80er als Kulisse

Mit Hinwendung nutzt Sven Regener Berlin als Bühne und Kulisse. Er erinnert an den Spuk der frühen 80er-Jahre, als Autohalter Bremslichter hinter den Rückscheiben anbrachten und "die Berliner Nächte zu einer Orgie rotfunkelnder Lichtspiele machten". Die Berliner Luft ist "ein dicker, gelber Nebel, der nach Braunkohle und Abgasen" riecht. Selbst der Winter in West-Berlin, hat Sven Regener in einem Interview erzählt, war "scheußlicher als heute".

Sven Regener hat mit "Wiener Straße" seine Erfolgsbücher fortgeschrieben. Aber er hat mitnichten einfach nur ein weiteren Lehmann-Roman verfasst, er ist durchaus ins Risiko gegangen und hat die klassisch narrative, von ihm bislang bevorzugte Struktur – ein identifikationsstiftender Held besteht allerlei Abenteuer – verlassen. Eine Hauptperson gibt es nicht, in Regeners Stadt tummelt sich eine Schar von "Typis". In dieser Multiperspektivität ist Frank Lehmann einer von vielen. Er renoviert die neue Wohnung, steht früh auf, um die Kneipe zu reinigen, weicht keiner Arbeit aus und wird von Barfrau Chrissie folgerichtig "nun streber mal nicht so herum" angeschnauzt. Sven Regener scheint wichtig gewesen zu sein, noch einmal zu beschreiben, dass Frank Lehmann ehrgeizig ist und die Dinge, die er macht, sehr gut und gewissenhaft machen will – und mitnichten ein Verlierer ist.

Sven Regener verkauft Millionen Bücher, hat unter Literaturkritikern einige Bewunderer und gehört als Sänger von "Element of Crime" zum Inventar des Kulturbetriebes. Trotzdem erhielt er bislang keine nennenswerte Auszeichnung (was weniger über seine Qualität als über das groteske Preiswesen in der Literaturbranche verrät). Nun ist sein Roman auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis vertreten. Dass er in Frankfurt gekürt wird, ist nicht zu erwarten. Trotz wechselnder Besetzung würdigt die Jury zumeist sperrige, ich-bezogene, vernachlässigte Autoren. Das schräge, komische, detailversessene Schreiben, das Sven Regener beherrscht, hatte bislang kaum eine Chance.

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