Kultur

Im Dutzend bassiger

Die 12 Cellisten werden 45. Rudolf Weinsheimer erzählt die Gründungsgeschichte

Wer 40 Jahre lang Cello bei den Berliner Philharmonikern spielte, hat viel zu erzählen. Rudolf Weinsheimer erinnert sich besonders gern an seine Erlebnisse mit den berühmten 12 Cellisten. Niemals hätte der heute 86-Jährige 1972 gedacht, dass das ungewöhnliche Ensem­ble so lange bestehen und Erfolge in aller Welt feiern würde. Zum 45. Jubiläum schildert er, wie es eigentlich zur Gründung kam.

Alles begann im Jahr 1966 an seinem Geburtstag, zu dem er drei Cellokollegen einlud. „Nach dem Abendessen setzten wir uns zusammen und spielten voll Freude und Begeisterung.“ Der ungewöhnliche Celloklang beeindruckte die Gäste. Durch Kontakte seines Schwiegervaters kam es zu einem ersten Konzert des Celloquartetts an der Waseda-Universität in Tokio. Im ORF-Studio in Salzburg nahmen die vier Cellisten ihr Programm auf. Fünf Jahre später rief der Aufnahmeleiter Hans Haring bei Weinsheimer an und sagte: „Der Klang des Celloquartetts hat mich so begeistert, dass ich in den letzten Jahren nach Literatur für mehrere Celli suchte. Der Zufall spielte mir den Hymnus für 12 Violoncelli von Julius Klengel in die Hände.“ Er wusste, dass es bei den Philharmonikern genau 12 Cellisten gab und wollte die gesamte Cellogruppe für eine Aufnahme des Werks verpflichten.

„Ich rief meine elf Kollegen an, und es gab nur positive Reaktionen“, erzählt Weinsheimer. „Aber wie ich sehr bald merkte, begann nun die schwierigste Arbeit: eine gemeinsame Probe festzulegen.“ Manche hatten Lehrverpflichtungen, andere waren als Solisten oder Kammermusiker unterwegs. Nach unzähligen Telefonaten gab es sehr harmonische Proben in Berlin und Salzburg. Die Aufnahme im Salzburger Mozarteum am 25. März 1972 gilt als die Geburtsstunde der 12 Cellisten. „Zwei Mal wurde der Hymnus wiederholt, dann waren alle zufrieden: die Aufnahmeleitung, wir und unsere Zuhörer.“ Danach feierten die Musiker das besondere Ereignis in der Stammkneipe.

Auf der Rückfahrt nach Berlin hatte Rudolf Weinsheimer acht Stunden Zeit, um über weitere Auftritte nachzudenken. „Viele mögliche und unmögliche Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, bis ich am frühen Morgen zu Hause war.“ Ein Problem war das nicht vorhandene Repertoire. Aber da kam der Zufall zu Hilfe. Eines Tages sah Weinsheimer im strömenden Regen am Straßenrand ein Mädchen stehen, das mit dem Daumen in Fahrtrichtung zeigte. „Natürlich hielt ich sofort an, fröhlich stieg die junge Dame ein schüttelte ihr völlig durchnässtes Haar.“

Im Gespräch stellte sich heraus, dass es sich um die Tochter des Komponisten Boris Blacher handelte, und Weinsheimer ergriff die Gelegenheit, durch sie ihren Vater um eine Komposition für das neue Ensemble zu bitten: „Wir haben nur ein Sieben-Minuten-Stückchen und können damit die Welt nicht erobern“, sagte er der Anhalterin, und schon am nächsten Morgen rief Blacher an und sagte zu. So entstand die „Rumba philharmonica“, die erste einer ganzen Reihe von Originalkompositionen und Arrangements für die einmalige Besetzung, die am 25. September im Rias Berlin Studio 10 uraufgeführt wurde. Der Rest ist Geschichte. Weinsheimer erinnert sich, dass Herbert von Karajan das Ensemble nach einem Konzert 1974 im Salzburger Mozarteum mit den Worten adelte: „Jetzt weiß ich erst, was ich von euch verlangen kann.“

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