Kultur

Vier Gestrandete analysieren die brodelnde Weltlage

In den Wühlmäusen feiert das neue Ensemble Premiere

Seit Wochen brodelt die Gerüchteküche über Dieter Hallervordens neues Wühlmäuse-Ensemble – und dann geht gleich der erste Gag daneben. Robert Louis Griesbach weigert sich partout, miese Witze über Türken zu reißen, will sich nicht in die momentan hochkochende Stimmung gegen sie einreihen. Erst, als seine drei Kollegen eine Drohkulisse aufbauen, hält sich Griesbach an den Text. Ist einer der vier Gestrandeten auf dem JFK-Flughafen in New York. Warum ihr Flug nach Berlin nicht startet, weiß keiner. Doch dann twittert US-Präsident Trump über die Anzeigetafeln: „Germany: Problems. I’ll take over.“

Ob brodelnde Weltlage oder Bundestagswahlkampf: Nie war Politik unüberschaubarer und so streitbar wie jetzt. Der perfekte Zeitpunkt für den Start des neuen Wühlmäuse-Ensembles mit seinem Programm „Ver(f)logene Gesellschaft“, das nun in den Wühlmäusen Premiere feierte. Das Ensemble ist ein lang gehegter Wunsch vom Hausherrn Dieter Hallervorden. Mit dem Kabarettisten Frank Lüdecke hat Hallervorden einen der profiliertesten Regisseure und Autoren mit an Bord geholt. Die zwei haben absolute Könner für das Ensemble ausgewählt, die mimisch, gesanglich und sogar tänzerisch überzeugen.

Robert Louis Griesbach gibt den verkrachten Start-up-Unternehmer Clemens. Er will ein Handy rausbringen, mit dem man nur telefonieren kann. Ein technisches Wunder der Entschleunigung. Leider so groß, dass es eine eigene Postleitzahl braucht. Mathias Harrebye-Brandt schlüpft in die Rolle des Konfliktforschers Martin, der absolut nicht mit Konflikten umgehen kann. Birthe Wolter gibt Cornelia. Eine gefallene Bankerin, die sich die Welt und ihren Problemsohn mit Anglizismen schönredet. Santina Maria Schrader ist Mandy, Sächsin auf Hartz IV mit drei Kindern von ebenso vielen Vätern. Patent und furchterregend cool, aber gescheitert.

Eine wilde Mischung. Es dauert nur Sekunden, bis erste Konflikte explodieren. Es geht um Gerechtigkeit, Rechtspopulisten, Flüchtlinge. Doch bei Live-Schalten aus der Heimat versammeln sich die vier in Einigkeit vor dem Bildschirm. Hallervorden sorgt dann als rumeiernder Reporter für viele Lacher. Bis eine voll verschleierte Angela Merkel erklärt, sie sei zum Islam übergetreten. Prompt kommentiert von Trump per Twitter: „Burka-Merkel. Problem.“

Schnelle Lösungen in Krisenzeiten bietet das neue Wühlmäuse-Ensemble zwar nicht, aber rasant und witzig, gelingt ihm gleich im ersten Anlauf ein echter Bühnenhit.

Die Wühlmäuse, Pommernallee 2–4, Charlottenburg, Tel. 30 67 30 11, nächste Termine 3., 17.–19. und 26.9. um 20 Uhr