Kultur

Frank Lüdecke redet über die Verhältnisse

Solo des Kabarettisten bei den Wühlmäusen und in der Distel

Man kennt diese Ansagen aus dem Theater, bevor sich der Vorhang hebt: "Wir freuen uns, wenn Sie Ihre Mobiltelefone nach der Vorstellung wieder anschalten." Es geht aber auch anders. Politisch korrekt nämlich. Dann allerdings dauert die Ansage epische fünf Minuten, damit sich auch wirklich jeder im Saal angesprochen fühlt.

Frank Lüdecke macht es in seinem Solo "Über die Verhältnisse" vor. In den Wühlmäusen erklärte er aus dem Off, dass politisches Kabarett ansteht. Mit Meinungen, die vielleicht nicht die eigenen sind und Mikro-Aggressionen auslösen können. Ein augenzwinkerndes Beispiel übertriebener Political Correctness. Lüdecke packt all die heißen Eisen an, die Politiker nicht erst im Wahlkampf scheuen. Und die Zuschauer, so scheint es, wollen sich vor der Wahl noch einmal ausführlich die Weltlage erklären lassen. Von einem der besten und profiliertesten Satiriker des Landes. Frank Lüdecke, 1961 in Charlottenburg geboren, macht Kabarett seit 1979. Er war künstlerischer Leiter der Distel, jahrelang Mitglied beim "Scheibenwischer" und ist heute noch regelmäßiger Gast in den Satiresendungen im Fernsehen.

Einer, der Kabarett lebt, und dabei scheinbar so harmlos lächelnd daherkommt wie der Nachbar von nebenan. Er plaudert sogar freundlich über Donald Trump. Ein leuchtendes Beispiel für Schulabbrecher sei er. Denn nun wissen wir: Selbst wenn jemand Belgien für eine schöne Stadt hält, kann er US-Präsident werden.

Lüdecke geht es immer wieder um die Digitalisierung. Die mache aus Familien Whatsapp-Gruppen und ist vor allem gut dafür, zeitsparend eine Meinung zu vertreten, ohne sie sich jemals gebildet zu haben. Kein Wunder, dass Hundevideos jederzeit mehr Likes auf Facebook erzielen würden als etwa die ultimative Lösung der Flüchtlingskrise.

Kein aktuelles Thema, das Lüdecke nicht punktgenau mit bissigem Witz seziert. Mit deutlicher Kritik an der Politik. Die sei oft genug untätig geblieben in den vergangenen Jahrzehnten. Mit Folgen. Etwa bei den Mieten, maroden Schulen und Brücken oder aber beim Abgasskandal. Rasender Stillstand allerorten. Lüdecke fordert, die Verhältnisse neu zu ordnen. Für Politiker und Bürger gilt daher gleichermaßen: Raus aus dem bequemen Schlafmodus und das digital eingelullte Gehirn wieder einschalten. Dann dürfte auch der unselige Trend weg vom Buchregal, hin zum Wand-Tattoo zu stoppen sein.

Wühlmäuse, Pommernallee 2–4,
Charlottenburg, Tel. 30 67 30 11, weitere Termine: 30.9., 28.10. und 18.11. / jew. 16 UhrDistel, Friedrichstraße 101, Mitte,
Tel. 204 47 04. Am 17.9. um 18 Uhr

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