Berliner Philharmoniker

Rattle macht es den Berlinern zum Saisonauftakt nicht leicht

Mit Haydns "Schöpfung" sind die Berliner Philharmoniker in die letzte Spielzeit unter ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle gestartet.

Auftaktkonzert der Berliner Philharmoniker in die Saison 2017/2018 mit Sir Simon Rattle (Mitte)

Auftaktkonzert der Berliner Philharmoniker in die Saison 2017/2018 mit Sir Simon Rattle (Mitte)

Foto: Monika Rittershaus

Einen Uraufführungsrekord vermeldet die Intendantin zwar nicht, aber sicher ist: Sir Simon Rattles Lust an Neuem war und ist ungebremst. Als er im September vor 15 Jahren sein Einstandskonzert gab, brachte er ein in Berlin noch ungehörtes Werk seines Londoner Freundes Thomas Adès mit. Dank Rattle erreichten zahlreiche Neukompositionen in Berlin die Ohren der Klassikwelt. So überrascht es nicht, dass auch der Freitagabend mit einer Uraufführung beginnt: "Ein kleines symphonisches Gedicht" von Georg Friedrich Haas ist erst in diesem Jahr als Auftragswerk für die Philharmoniker entstanden.

Sieben Minuten lang steht eine bedrohliche Klangkulisse aus klirrenden Streicherklängen in der Luft, die Halbtonharmonien erzeugen ein Unbehagen, das nur durch wenige gewaltige Tutti-Akkorde gebrochen wird. Mit präziser Kontrolle dosiert Rattle diese Spannung. Es ist kein einfaches Werk für die Rückkehr aus den Sommerferien – aber bequem hat es der Brite seinem Publikum ohnehin nie gemacht, sondern immer versucht, dessen musikalische Neugier zu wecken.

Frischer Wind in der Philharmonie

Das war nur einer der vielen frischen Winde, die mit Rattle in 2002 in der Philharmonie einzogen. Wie sein Vorgänger Claudio Abbado setzte er die Verjüngung des Orchesters fort. Wichtig war ihm, die Musik zu den Menschen außerhalb der elitären Konzertsäle zu bringen. Bereits in seiner ersten Saison rief er das „Education-Programm“ ins Leben, das das von Kindern und Jugendlichen umgesetzte Tanzprojekt zu Strawinskys „Sacre du Printemps“ hervorbrachte.

Ein weiterer Schritt hinaus in die Welt war die Schaffung der „Digital Concert Hall“ 2009, durch die die Philharmonie-Konzerte live im Internet übertragen werden. 2013 dann gab Rattle bekannt, die Philharmoniker im Sommer 2018 zu verlassen. In seinem letzten Jahr nimmt er parallel den neuen Posten als Chef des London Symphony Orchestra wahr und wird zwischen Berlin und London pendeln – und vielleicht neue kulturelle Brücken schlagen? Kürzlich äußerte Rattle jedenfalls, er fühle sich „so europäisch wie nie“.

Ein europäisches Kulturereignis

Vielleicht also kein Zufall, dass am Freitagabend Haydns „Schöpfung“ im Programmmittelpunkt steht: Inspiriert wurde das Werk auf Haydns Reisen durch England und avancierte nach der Uraufführung 1798 zu einem großen Erfolg in ganz Europa - ein letztes einigendes Kulturereignis kurz vor den napoleonischen Kriegen, das eine Botschaft der Freude und Hoffnung trägt.

Rattle beginnt seine Botschaft am Freitag in straffem Tempo und kräftiger, fast romantisch anmutender Dynamik. Das Orchester und den Chor hat er in filigranem Griff und gibt beiden viel Raum zur Entfaltung, wenn er sie nicht meisterhaft hinter die Solisten zurücktreten lässt.

Von diesen tut sich nach der Pause vor allem die junge Sopranistin Elsa Dreisig hervor, die für die erkrankte Genia Kühmeier eingesprungen ist und in der beginnenden Spielzeit bei der Staatsoper anheuert. Es ist ihr Debüt bei den Philharmonikern. Mit viel Farbe singt sie die Rollen der Eva und des Gabriel und beeindruckt mit einem samtweichen Crescendo.

Mit einer ernsten Hingabe an den Text stellt sie ihre beiden männlichen Gesangkollegen Mark Padmore und Florian Boesch in den Schatten, die eher den schnellen Effekt durch Ironisierung suchen. Die Zuhörer bedanken sich bei der Französin mit begeistertem Applaus. Der Maestro geht bei ebenso großem Beifall Hände schüttelnd durch die Reihen der Musiker.

Rattle lässt andere sprechen

Beim anschließenden Empfang lässt Rattle andere reden. Intendantin Zietzschmann preist neben Rattles erwähnten Konzerteifer seinen „britischen Charme, der sehr gut zur Berliner Lässigkeit passt“, motiviert das Publikum aber auch für die Zukunft nach Rattle.

Sein Nachfolger Kirill Petrenko wird allerdings erst ab 2019 übernehmen, so dass die Philharmoniker in der Saison 2018/2019 ohne Chefdirigenten auskommen müssen. Diesen Übergang wird Zietzschmann glätten müssen. Zumindest kann sie auf finanzielle Sicherheit hoffen: John Cryan, Chef der Deutschen Bank, Sponsor der Philharmonie, versichert den Anwesenden, das Orchester „noch viele Jahre zu begleiten“.

Wer von dieser Zukunft noch nicht überzeugt ist: Der scheidende Chefdirigent ist ja noch für die Leitung von 52 Konzerten und acht Opern in dieser Saison eingeplant.

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