Kultur

Wallaces Tagebuch der intimen, verstörenden Welt

Abstrakte Malerei trifft auf gegenständliche Fotografie

Funkelnde Dreiecke, leuchtende Monitore, glänzende Fotografien. Die Ausstellung bei Aando Fine Art ist das Ergebnis einer mehrjährigen Zusammenarbeit der Berliner Künstler Maria Wallace und Tim Slim. Abstrakte, konzeptuelle Malereien treffen auf gegenständliche Fotografien und Installationen aus Fernsehbildschirmen. Was ist hinter den glatten Oberflächen der Objekte und Bilder verborgen? Der Titel der Schau „Scratch the surface“ stellt die Frage, was passiert, wenn die Oberflächen angekratzt werden.

Maria Wallace, 1993 in einer kleinen Stadt in New Hampshire geboren, hat in New York gelebt, bevor sie 2014 nach Berlin gezogen ist. Mit ihren spontanen, analogen Fotografien erzählt sie Anekdoten aus ihrem alltäglichen Leben. Wir sehen den Blick vom Patientenstuhl auf eine Zahnärztin bei ihrer Arbeit, das Gerät in ihrer Hand kommt fast bedrohlich nah. Wir sehen eine Frau, die von Passanten umringt nach einem Autounfall auf einer Straße in New York liegt. Wallace studiert sehr genau das Verhalten und die Bewegungen der Menschen, die sie umgeben. „Diese ständige Suche nach dem schönsten Bild erscheint mir extrem langweilig.“ Wallace erschafft mit ihren Fotografien ein Tagebuch ihrer intimen, verstörenden Welt. Schräge Horizonte, rot leuchtende Augen, Unschärfe – die Zufallsmomente und die Bewegtheit in ihren Bildern lassen an Street Photography denken. „Manchmal fühlt es sich so an, als würde ich den entscheidenden Moment für das Foto genau verpassen“, sagt Wallace.

Mögen die fotografischen Bilder in der Galerie beunruhigend wirken, haben die Arbeiten von Tim Slim eine meditative Wirkung. Hexagone und Dreiecke verschiedener Größen, zusammengefügt aus Tausenden dreieckigen Objekten in schillernden Farben, nehmen die Galerieräume ein. Tim Slim arbeitet mit Perlglanzpigmenten, wie man sie in der Industrie, in Nagelstudios oder zum Autolackieren verwendet, um ein gleichmäßiges Glitzern und Schimmern und eine Lichtreflexion zu erzeugen. Das jahrelange Malen der Farbverläufe ist mit einem hohen Aufwand verbunden. „Wenn ich das präsentieren würde, was in meinem Herzen wäre, wäre es wahrscheinlich genau das Gegenteil. Es ist viel Kampf“, sagt der Künstler. Im Arbeitsprozess schleichen sich immer wieder kleine Fehler ein, welche die Werke transformieren. Vom Minimalismus inspiriert, verschwimmt die Grenze zwischen Skulptur und Malerei in Slims Arbeit.

Aando Fine Art, Tucholskystraße 35, Mitte. Di.–Sbd. 12–18 Uhr. Bis 25. August

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