Kultur

Neue Volksbühne hat jetzt noch mehr Ärger vor dem Start

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Felix Müller
der "Ost"-Schriftzug fehlt, und an das Räuberrad erinnert nur noch ein Kreuz: Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

der "Ost"-Schriftzug fehlt, und an das Räuberrad erinnert nur noch ein Kreuz: Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Foto: imago stock / imago/Rolf Zöllner

Chris Dercons neues Team an der Volksbühne hat in den sozialen Netzwerken mit wenigen Äußerungen für viel Wirbel gesorgt.

Als Neuintendant Chris Dercon im Mai sein mit Spannung und vielen Ängsten erwartetes Programm für die Volksbühne vorstellte, saß auch die Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Mercedes Bunz mit auf dem Podium. Sie äußerte sich über die Möglichkeiten des Theaters, auch über die sozialen Netzwerke auf sich aufmerksam zu machen. Man müsse „das Internet als künstlerische Plattform ernst nehmen“, sagte sie, und man müsse vor allem „mutiger sein“.

Wie man sich das konkret vorzustellen hat, konnte man in dieser Woche staunend auf den Plattformen von Facebook, Twitter und Instagram erleben – und zugleich nachvollziehen, wie viel Skepsis dem neuen Team der Volksbühne immer noch entgegenschlägt. Zugleich ist die Aufregung auf der digitalen Bühne auch ein Lehrstück darüber, wie man einen Neustart nach allen Regeln der Kunst verstolpern kann.

„Mischung aus Dämlichkeit und Größenwahn“

Es begann schon damit, dass die alten Accounts der Volksbühne einfach bruchlos übernommen und von „Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz“ in „Volksbühne Berlin“ umbenannt wurden. Einen Account weiterzuführen, ist nicht so ungewöhnlich und auch an anderen Theatern bereits geschehen. Die unkommentierte Tilgung von Rosa Luxemburg aus dem Namen – übrigens auch schon auf den im Mai verteilten Programmheften sichtbar – zielt dagegen direkt ins Zentrum der Ängste, die seit der Ernennung Dercons zum Intendanten immer wieder artikuliert wurden: Die Volksbühne könne als identitätsstiftender Ort verloren gehen und ihr einzigartiges Gesicht verlieren.

Hinzu kam ein reichlich rätselhaftes, an esoterische Rhetorik erinnerndes Statement in der ersten Wortmeldung der Volksbühne. „Die Sinne schärfen“, hieß es da, „sich ins Detail versenken. Das Gesamte vom kleinsten Teil denken. Lauschen. Flüstern. Klein werden. Raus aus dem Totalzusammenhang. Kommt zusammen!“, lautete es etwa auf Facebook. Und auf Twitter: „Eine Stadt in der Stadt. Ein Ort der Träume und des Wartens. Es wohnt hier wieder die Utopie.“

Die esoterische Rhetorik kann auch falsch verstanden werden

Wo alles so wolkig und unbestimmt daherkommt, muss es nicht zwingend etwas bedeuten. Lauschen, flüstern, klein werden: Das muss man nicht als etwas herrische Aufforderung an das Publikum verstehen, die künstlerischen Entscheidungen des neuen Teams demütig und kritiklos, gewissermaßen mit kindlichem Staunen zu rezipieren. Genauso wenig wie man den „Ort des Wartens“ als Androhung gähnender Langeweile werten muss. Entscheidend ist aber, dass man es kann – vor allem dann, wenn die Stimmung nach dem schier endlosen Abgang von Frank Castorf, nach der etwas beleidigt-demonstrativen Demontage des „Ost“-Schriftzuges und des Räuberrades auf der Wiese vor der Volksbühne ohnehin schon so aufgeheizt ist.

Und so kam es dann auch. Der Radiomoderator Jürgen Kuttner, Castorfs Volksbühne langjährig verbunden unter anderem durch seine unterhaltsamen Videoschnipsel-Vorträge, gehörte zu den entschiedensten Kritikern dessen, was in den sozialen Netzwerken plötzlich auftauchte. Kuttner sprach von einer „Mischung aus Dämlichkeit, Größenwahn und Großfressigkeit“, „garniert mit einem Esoteriktext, der vermutlich auch nicht selbst geschrieben, sondern von der Ratgeberseite der ,Brigitte‘ oder der ,Bild der Frau‘ geklaut ist.“ Viele der in kürzester Zeit versammelten Kommentare zielten in eine ähnliche Richtung. Von „Geschwurbel“ war immer wieder die Rede und vor allem vom „Kapern“ eines fremden Accounts. Da halfen dann auch die von der Volksbühne hinterhergeschobenen „Fun Facts“ nicht mehr viel, in denen das Team darauf hinwies, dass es am HAU, dem Gorki-Theater und anderswo genauso gelaufen sei. „Ich vermisse bei euren Facts irgendwie den Fun“, schrieb ein User.

Der Intendanz stehen harte Zeiten bevor

Das alles ist dann doch mehr als ein Sturm im Wasserglas mitten im Sommerloch – weil es vorausweist auf die harten Zeiten, die Dercons Intendanz noch bevorstehen. Es ist in der deutschen Kulturlandschaft ein wohl einzigartiger Vorgang, dass ein Theater sich schon derart überschäumender Kritik ausgesetzt sieht, bevor es auch nur eine einzige Inszenierung auf die Bühne gebracht hat. Und so spricht aus den Reaktionen in den sozialen Netzwerken vor allem auch ein bedenklicher Mangel an Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen, es überhaupt erst einmal unvoreingenommen anzusehen – so unglücklich die Postings auch gewesen sein mögen.

Erste Lerneffekte lassen sich freilich auch hier erkennen. In ihrem einzigen wirklich gelungenen Tweet dieser Woche hat die neue Volksbühne vorgeführt, dass es auch mit Selbstironie geht: „Man hat uns vorgeworfen, ein esoterischer Yoga-Laden zu sein“, hieß es dort: „Atmen wir also alle erst mal tief ein ... und wieder aus.“

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