Kultur

Bemerkenswerte Ruhe auf dem Grünen Hügel

Der Skandal gehörte zum Aufwärmprogramm für die Festspiele in Bayreuth – nur in diesem Jahr nicht

Die Beete sind bepflanzt, die Hecken im Park rund um das Bayreuther Festspielhaus akkurat gestutzt. Das Sicherheitspersonal dreht seine Runden. Hinter den hohen Zäunen am Bühneneingang werden Wagen mit Bühnenbildern hin- und hergefahren. Natürlich gut versteckt unter Planen. Wenige Tage vor der Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele am 25. Juli geht es auf dem Grünen Hügel zu Bayreuth ruhig zu. Und das ist bemerkenswert.

Schließlich konnte man fast in jedem Jahr damit rechnen, dass irgendein Skandal den Adrenalinspiegel der Wagnerianer noch einmal nach oben treiben würde, bevor der erste Ton dem Orchestergraben entsteigt. Mal wurde ein Sänger wegen eines früher sichtbaren Hakenkreuz-Tattoos geschasst, mal schmiss die Sängerin der Titelpartie einen Monat vor der Eröffnung hin, mal reiste vor der Premiere aus undurchsichtigen Gründen der Dirigent ab.

Und 2017? Man habe Spaß an der Probenarbeit und freue sich auf die Festspiele, lassen Barrie Kosky und Philippe Jordan verlauten. Regisseur und Dirigent der diesjährigen Premierenoper „Die Meistersinger von Nürnberg“ scheinen perfekt zu harmonieren, sie loben die Besetzung, die ihnen Festivalchefin Katharina Wagner und Musikdirektor Christian Thielemann organisiert haben. Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin, inszeniert zum ersten Mal in Bayreuth. Jordan debütierte 2012 in Bayreuth, als er Stefan Herheims gefeierte „Parsifal“-Inszenierung in deren letztem Jahr dirigierte.

Erneut zum Programm gehört „Tristan und Isolde“ in der Regie von Katharina Wagner und unter der musikalischen Leitung von Thielemann. Der „Parsifal“ von Uwe Eric Laufenberg geht in die zweite Runde. Im Vorjahr hatte der eigentlich vorgesehene Dirigent Andris Nelsons vier Wochen vor Festspielstart das Handtuch geworfen. Warum genau – das weiß die Öffentlichkeit bis heute nicht so wirklich. Hartmut Haenchen ist eingesprungen, er steht auch in diesem Jahr am Pult.

Zum letzten Mal in Bayreuth zu sehen ist in diesem Jahr der vierteilige „Ring des Nibelungen“ in der Regie von Frank Castorf. Bei der Premiere 2013 erntete seine Version der Tetralogie mit sich vermehrenden Krokodilen, Motel-Ambiente und Blowjob am Berliner Alexanderplatz heftige Buhrufe. Von Jahr zu Jahr schwand zwar die extreme Aufregung, in rückhaltlose Begeisterung schwenkte die Stimmung freilich nicht um – es ist halt zu viel Trash fürs konservative Publikum. Offen ist, wie die Zuhörerschaft im Abschiedsjahr reagiert. Castorf hat Übung im Abschiednehmen; vor wenigen Wochen ist er nach einem Vierteljahrhundert als Intendant der Berliner Volksbühne abgetreten.

Zu den Proben sei Castorf noch einmal hier gewesen, hieß es aus dem Medienbüro der Festspiele. Ob er sich in der Premierenwoche dem Publikum zeigt, weiß man nicht. Für den 25. Juli hat sich das schwedische Königspaar Carl Gustaf und Silvia angesagt. Royalen Glanz im Festspielhaus gab es zuletzt vor 30 Jahren, als der britische Thronfolger Charles eine Vorstellung besuchte. Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt wieder zur Eröffnung, nachdem sie sich im vergangenen Jahr wegen Terminschwierigkeiten entschuldigen ließ.