Theater

Mit 80 noch mal auf die Bühne, die seine Welt bedeutet

„Pension Schöller“, einer seiner größten Hits, wird zum 20-Jährigen wieder aufgeführt. Und diesmal spielt Jürgen Wölffer sogar mit.

Vor zwei Dekaden hat er das Stück modernisiert, jetzt spielt er selber mit: Jürgen Wölffer auf der Bühne des Theaters am Kurfürstendamm

Vor zwei Dekaden hat er das Stück modernisiert, jetzt spielt er selber mit: Jürgen Wölffer auf der Bühne des Theaters am Kurfürstendamm

Foto: Reto Klar

Fast wären wir an ihm vorbeigelaufen. Dabei ist an diesem Montagmorgen eigentlich noch nichts los im Restaurant „Dressler“, und Jürgen Wölffer hat sich so positioniert, dass man ihn gar nicht verfehlen kann. Aber er trägt Vollbart, so ist er kaum wiederzuerkennen. „Ja, Sie sehen mich schon in Maske“, grinst er. Denn noch einmal, mit 80, wird er im Theater am Kurfürstendamm spielen. Das Haus, das er selbst ein halbes Leben lang geleitet hat.

Ab 26. Juli ist hier noch mal „Pension Schöller“ zu sehen, das Lustspiel von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs, bei dem Wölffer senior einst Regie führte. Eine Inszenierung, die zum Hit wurde und fast 1300 Mal gespielt wurde, in Berlin, Hamburg, auf Gastspielen und Tourneen. Auch sonst ist das Lustspiel in Deutschland eines der meistgespielten. Woran liegt das? Es ist doch eigentlich eine Posse, in der ein alter Herr einmal echte Irre erleben will und in eine Pension geschickt wird, die man ihm als Irrenhaus verkauft. Aber in einer Welt, die immer verrückter wird, bleibt das Stück seltsam zeitlos.

Ein Treff von Veteranen

An den Kudamm-Bühnen feierte schon die Inszenierung von Wolfgang Spier Triumphe. Wölffer hat das Stück später nicht nur inszeniert, sondern auch neu geschrieben. Wann immer heute ein Stadttheater „Pension Schöller“ aufführt, dann meist seine zeitgemäßere Version. Die Premiere am Kudamm-Theater ist jetzt 20 Jahre her. So kam Sohn Martin, sein Nachfolger als Intendant, auf die Idee: Wie wäre es mit einer Wiederaufnahme zum Jubiläum? Der Papa führt nicht nur Regie, er spielt auch selber mit. Hat er früher auch schon ab und an getan. Und jetzt hat er ja auch Zeit. Früher hat er sich immer geärgert, wenn ständig das Telefon klingelte. Jetzt klingelt es nicht mehr oft: „Man ist nicht mehr nötig“, schmunzelt er. Damit musste der einstige Intendant sich erst mal abfinden.

Jetzt freut er sich umso mehr. Heute fangen die Proben an, im Malersaal über der Kudamm-Komödie, erst mal mit einer Lesung und der Einstudierung der Neuen. Aber der Clou ist, dass noch vier Veteranen aus der Originalbesetzung dabei sind: Winfried Glatz­eder, Herbert Köfer, Victoria Sturm. Achim Wolff hat sogar in allen 1300 Aufführungen auf der Bühne gestanden. Von „Originalbesetzung“ zu sprechen, wie es das Theater tut, ist dennoch etwas misslich.

Schließlich sind viele, die maßgeblich am Erfolg beteiligt waren, nicht mehr da: Elisabeth Wiedemann, Friedrich Schoenfelder, auch Edith Hancke und Klaus Sonnenschein, die später übernahmen. Die Wiederaufnahme wird auch eine Verbeugung vor ihnen. Hat das auch etwas Sentimentales? „Ich bin über 80“, meint Wölffer trocken. „Ich muss mich allmählich damit abfinden, dass ich auch bald dazugehöre.“

Der Text ist noch parat

Wir wollen ihm ja nicht zu nahe treten: Aber wenn heute die erste Probe ist und am 23. schon die erste Vorstellung – ist das nicht sehr ambitioniert? Und bei all den älteren Semestern – wie steht es da mit dem Textbehalten? Muss die Souffleuse da gesonderten Einsatz zeigen? Nein, lacht Wölffer. Die Hauptdarsteller hätten das Stück so oft gespielt, das sei schon in Fleisch und Blut übergegangen. Und für ihn selbst sei das Problem am geringsten. Er hat nur eine kleinere Rolle, die von Schoenfelder. Und er hat den Text ja umgeschrieben: „Das sind meine Worte, das sind meine Witze.“

Wölffer zeigt manchmal das, was man wohl Altersmilde nennt. Er zeigt das aber nicht mehr, als wir das „Dressler“ verlassen und ins Theater laufen. Dass man die Bühnen abreißen wird, die doch einst von Max Reinhardt gegründet wurden, das empfindet er noch immer als Skandal. „In Paris, in Wien, überall lieben wir das Alte. Hier wird es ausradiert.“ Das Kudamm-Karree sei, zugegeben, sehr hässlich, darum wäre es nicht schade, aber das sei ja damals um die Theater herumgebaut worden. Dass die jetzt weg und dann unter die Erde kämen, das bleibt für ihn ein Graus. „Diese Atmosphäre kann man nicht einfach reaktivieren.“

Umzug ins Schiller-Theater wird hochemotional

Dass sie übergangsweise ins Schiller-Theater ziehen sollen, in ziemlich genau einem Jahr, findet er dagegen immer noch „die beste Lösung“. Auch wenn er da „Manschetten“ hat. Nicht vor dem viel größeren Saal. Aber wegen der Lage. Am Kurfürstendamm profitieren sie vom Durchgangsverkehr, von Touristen, die vorbeiflanieren. An die Bismarckstraße würden die sich nicht so einfach verirren. Und dann hat man dort ja nur noch eine Bühne, nicht mehr zwei. Das wird auch eine Herausforderung für das Winterhuder Fährhaus in Hamburg, die zweite Spielstätte der Wölffers, wo Wölffer senior auch noch Geschäftsführer ist. Die leben davon, Stücke von Berlin zu übernehmen. Bald müssen sie aber wohl auch Eigenproduktionen stemmen.

Für Jürgen Wölffer, der die Leitung der Kudamm-Bühnen 2004 an seinen Sohn übergeben hat, ist die künftige Adresse sehr emotional. Denn am Schiller-Theater gehörte auch er mal kurz zum Ensemble, als er noch Schauspieler war. Er hat sich aber, beichtet er verschmitzt, gleich mit dem Intendanten Boleslaw Barlog verkracht. Als damals der Stellvertreter seines Vaters Hans Wölffer gestorben sei, sei er in die Direktion der Kudamm-Bühnen eingestiegen. Erst mal bis auf Weiteres. Es sollte eine Lebensaufgabe werden. Für die Kudamm-Bühnen hat er das Schiller-Theater verlassen, jetzt kehrt er mit ihnen dorthin zurück. Wenn das nicht auch verrückt ist.