Ausstellung im C/O Berlin

Unterwegs sein ist Freiheit für Fotograf Josef Koudelka

Josef Koudelka wurde bekannt als Fotograf des Prager Frühlings. C/O Berlin im Amerika Haus zeigt sein breit aufgestelltes Werk.

Sinn für Skurriles: Josef Koudelka fotografierte den Jungen mit den engelsflügeln 1968 beim Karneval in Mähren

Sinn für Skurriles: Josef Koudelka fotografierte den Jungen mit den engelsflügeln 1968 beim Karneval in Mähren

Foto: C/O Berlin - Josef Koudelka / ©Josef Koudelka / Magnum Photos

Josef Koudelka sitzt in UV-geschützter Outdoor-Safari-Weste und Hemd im Café bei C/O Berlin und sieht so aus, als wolle er gleich wieder los. Irgendwo raus, wo das Leben pulsiert. Ein Besucher kriecht unter den Tisch, um die Schuhe des Magnum-Fotografen zu fotografieren. "Na ja", sagt Koudelka, "das Wichtigste sind doch die Augen, dann kommen die guten Schuhe, mit denen man laufen und sehen kann, ob sich eine Beziehung zu dem herstellt, was man da sieht". Eins ist ihm wichtig: "Ich möchte nicht der Reichste sein auf dem Friedhof. Ich will fotografieren!" Und mit knapp 80 Jahren ist es ohnehin so, dass er keine Lebenszeit mehr verschwenden will, für Dinge, die nichts bringen.

Die C/O Berlin zeigt nun erstmals eine konzentrierte, höchst spannende Werkauswahl des eingebürgerten Franzosen, der in Paris und Prag lebt. Alles Silberabzüge, erst kürzlich fing er an, digital zu fotografieren. Eingeteilt ist die Schau in drei Stationen: "Invasion/Exiles/Wall". Da gibt am Anfang jenen Komplex mit den Schwarzweiß-Fotografien zum Einmarsch der sowjetischen Truppen 1968 in Prag. Koudelka ist "under cover" unterwegs, er muss um sein Leben fürchten. Da gibt es diesen Arm mit der Uhr am Gelenk, wenn wir die Ziffern richtig lesen, stehen, sie auf kurz nach 12 Uhr. Im Hintergrund sieht man den menschenleeren Wenzelsplatz in Prag – symbolisch für die Stille vor dem Sturm. Dann: brennende Barrikaden, verbeulte, ausgebrannte Busse, zerbombte Häuser, auch mürrische Soldaten und ängstliche, zerfurchte Gesichter vor lodernden Häuserschluchten.

Seine frühen Fotos blieben lange anonym – aus Furcht

1969, zum ersten Jahrestag des Prager Frühlings, haben diese Fotos in den westlichen Medien große Beachtung erfahren, zunächst nur mit Verweis auf einen anonymen tschechischen Fotografen. Erst Mitte der 80er-Jahre werden ihm die Bilder namentlich zugewiesen. Das hatte einen triftigen Grund: Koudelka fürchtete Repressionen gegenüber seinen Eltern.

Knapp 50 Jahre später, 2008, steht Koudelka fassungslos vor der neun Meter hohen Mauer, die Israel in der Westbank errichtet hat. In diesem Jahr wird auch sein Buch "Invasion" in gleich zwölf Sprachen veröffentlicht. Er ist mit einigen Fotografenkollegen, darunter Stephen Shore und Thomas Struth, im Rahmen des Projektes "This Place" unterwegs, um Israel und die Westbank aus unterschiedlichen Perspektiven zu erkunden. Koudelka wandert die Grenze mit der Kamera entlang, dokumentiert ihre Materialität, ihre Wirkung. Panoramaaufnahmen von Steinen, Stacheldraht, mit Zement gefüllten Eisenfässern und Betonwälle. Eine große Karte erklärt den Mauerbau seit 2002 und illustriert ihre Ausdehnung auf mehr als 700 Kilometer.

"Koudelka Shooting Holy Land", so lautet auch der Titel eines Dokumentarfilms über seine schwierige Mission im Nahen Osten. Jetzt im Juli wird er in drei Berliner Kinos gezeigt. "Mauern" sagt Josef Koudelka, "sind komplett absurd". Sie würden die Landschaft und ihre Schönheit zerstören, und das sei Gewalt gegenüber den Menschen, die in diesem Land leben. So sagt er das.

1970 war der junge Koudelka mit einem drei Monate gültigen Visum aus der Tschechoslowakei ausgereist. In London beantragte der 32-Jährige politisches Asyl. Bereits ein Jahr später wurde er Mitglied der Fotoagentur Magnum. In den Jahren danach blieb er nirgendwo sesshaft. Im Frühling und Sommer war er sowieso unterwegs, im Winter stoppte er in London, nach 1980 in Paris, wo er seine Fotos entwickelte, edierte und für seine Buch-Produktion fertigstellte. Eine feste Adresse? Die gab es nicht. "Nichts drängte mich mehr", erzählt er, "als zu reisen, um Fotos machen zu können".

Im Exil entstanden seine persönlichsten Aufnahmen

Nun wissen wir nicht, ob es zu seiner eigenen Mythenbildung gehört, dass er nur einen Schlafsack bei sich hatte und seine Kamera, und am liebsten unter freiem Sternenhimmel schlief, wenn er nicht gerade bei Magnum-Fotografenfreunden hier und da unterkam. Doch irgendwo war es wohl für ihn eine Form der gelebten Freiheit, die er hinter dem Eisernen Vorhang über so viele Jahre vermisst hatte. Wie Michel Frizot im Katalog "The Making of Exil" schreibt, war "Josef K." für viele Leute ein ganz eigener Charakter, eine Art verrückte Romanfigur, ähnlich wie in Kafkas Roman "Der Prozess".

Die Zeit nach Prag, also sein Exil, ist in der Ausstellung die stärkste Sektion. Hier sehen wir seine wohl wichtigsten und persönlichsten Aufnahmen. Eine Art Tagebuch des inneren Exils – unterwegs in Italien, Spanien, Portugal und Irland. Es sind eindringliche, tiefe Bilder von (Stadt)Landschaften, von Menschen, von Alltag, Natur – und ebenso von Einsamkeit und Alleinsein. Einmal finden wir zwei etwas ausgelaufene Schuhe mit den Beinen dazu, die an einem Baum im Nirgendwo lehnen. "Im Exil zu sein, bedeutet, dass Sie ihr Leben neu aufbauen müssen", sagt er.

Aus Abertausenden Aufnahmen hat Koudelka diese Auswahl zusammengetragen. Offenbar "befragt" er, erzählt Kurator Xavier Barrai, seine Bilder in Abständen immer wieder nach ihrer Sinnhaftigkeit und Bedeutung. Für Koudelka beinhaltet das immer auch wieder eine Reflektion über die Bedingungen und Bedeutung von Fotografie.

Da ist der Mann mit der seltsamen Tiermaske, an einer Tür steht eine buckelige Frau, die noch im hohen Alter ihren Putzdienst ausführt – und das mit großer Würde und einer Rotweinflasche in der Linken. Gleich daneben sehen wir ein Kind im Babykörbchen dick verpackt – inmitten eines trostlosen Hauseingangs und mit Mülltonnen voll gestellt. "Bilder", so erklärt Koudelka uns, "sind nie einfach, zu eindeutig sollen sie nicht sein".

C/O Berlin, Amerika Haus, Hardenbergstr. 22-24. Tgl. 11-20 Uhr. Bis 10. September

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