Kultur

Wohltuende Gemütlichkeit und bäriger Tanzcharme

Der Dirigent Dmitrij Kitajenko gibt sein Abschiedskonzert

Virtuosität und Brillanz? Darum scheint es dem russischen Dirigenten Dmitrij Kitajenko bei seinen Auftritten mit dem Konzerthausorchester am allerwenigsten zu gehen. Auch nicht beim Abschiedskonzert als Erster Gastdirigent am Gendarmenmarkt, das ihn noch einmal als tiefsinnigen Interpreten des russischen Repertoires zeigt: Dunkel und kompakt klingen die Musiker unter der Leitung des 76-jährigen Sankt Petersburgers, gewichtig und moderat. Strawinskys "Kuss der Fee" zu Beginn, ein Extrakt aus der gleichnamigen neoklassizistischen Ballettmusik von 1928, wirkt dadurch viel weniger geschmeidig und schwungvoll, als man es sonst gewohnt ist. Stattdessen verbreitet das Konzerthausorchester durchaus wohltuende Gemütlichkeit und bärigen Tanzcharme. Und inspiriert dazu, sich weiter mit diesem interessanten Strawinsky-Werk auseinanderzusetzen, das eigentlich viel mehr nach zwei anderen Komponisten klingt: Strawinsky verwendet hier nämlich im Sinne einer Hommage zahlreiche Motive aus Klavierstücken und Liedern von Tschaikowsky und verknüpft sie mit neoklassizistischen Verfremdungstechniken, die an Francis Poulenc erinnern.

Eine ganz andere Art von Erinnerung wird dann im nachfolgenden "echten" Tschaikowsky geweckt, und zwar am Ende des Liebesduetts zwischen Jolanthe und Vaudémont aus der hierzulande kaum bekannten Oper "Jolanthe" – zur triumphalen Feier des Liebespaares greift Tschaikowsky zu einem ganz ähnlichen Themenbeginn wie im triumphalen Finale seiner Fünften Sinfonie. Die Wandlung der Sopranistin Olesya Golovneva ist dabei höchst erstaunlich: Noch im Arioso zuvor wirkt ihre Jolanthe streng und unnahbar, flächig und monochrom. Doch ihr Gesangskollege Dmytro Popov scheint sie durch offensives Schmachten und berückend leidenschaftliche Spitzentöne in der Romanze des Vaudémont und auch im rezitativischen Teil des Duetts immer weiter aus der Reserve zu locken. So weit, dass sich Golovnevas Jolanthe in den letzten fünf Tschaikowsky-Minuten vollkommen unerwartet zu Größe, Glanz und mitreißendem Liebesglück aufschwingt – und Kitajenkos Abschiedskonzert damit vorübergehend in eine Gala-Vorstellung verwandelt.

Fehlen darf natürlich nicht Schostakowitsch an diesem Abend. Der russische Dirigent hat sich für die Fünfte Sinfonie entschieden – für ein beim Publikum beliebtes Werk, von dem allerdings niemand so genau weiß, wie es am besten zu interpretieren ist. Und Kitajenko? Er entscheidet sich dafür, das Tragische der Partitur zu betonen.

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