Kultur

Hauptsache radikal

Vegard Vinge und Ida Müller provozieren im neuen „Nationaltheater Reinickendorf“

Vegard Vinges Performance besticht durch ihre Comic-Ästhetik

Vegard Vinges Performance besticht durch ihre Comic-Ästhetik

Foto: Nationaltheater Reinickendorf

Am Aldi-Verteilerzentrum scharf rechts in einen Industriehof einbiegen, links und wieder rechts – der Weg zum „Nationaltheater Reinickendorf“ ist nicht leicht zu finden. Eingebettet zwischen schwarz getünchten Containern befindet sich hier die neueste Theaterhölle Berlins, die den Extremkünstlern Vegard Vinge und Ida Müller anvertraut wurde. Um die Anreise zu erleichtern, haben die Berliner Festspiele, die das norwegisch-deutsche Theaterkollektiv zu ihrem Dauer-Festival „Immersion“ eingeladen haben, eine Karte angefertigt. Alle Zuschauer schaffen es pünktlich (kein Nacheinlass!) zur Premiere von „Container 1“, wie der erste von insgesamt zehn zwölfstündigen Theaterabenden heißt – und der bis zuletzt genauso geheimnisumwoben blieb wie sein Schöpfer, Ensemblechef Vegard Vinge, der sich beharrlich der Öffentlichkeit verweigert.

Für das Berliner Theaterpublikum ist Vinge dennoch kein Unbekannter. Seine letzte künstlerische Heimat hatte der norwegische Regisseur in Frank Castorfs Volksbühne, dessen Prater er von 2011 bis 2013 stets auf Grundlage Henrik Ibsens bespielte. „Die Wildente“ bot als Guckkasten-Installation einen ersten Einblick in Vinges Arbeit: kollektiver Auftritt mit Masken, textliche Reduktion, prägnante Zitate in Endlosschleife, eingespielt mit programmierten Keyboards, exzessives Spiel mit ganzem Körpereinsatz, das Ganze eingehüllt in Ida Müllers Comic-Ästhetik. „John Gabriel Borkman“ führte den kompromisslosen Entwurf weiter und wurde für seine Radikalität sogar zum Theatertreffen eingeladen. Das „12-Spartenhaus“ führte zum Bruch. Vinge überwarf sich mit der Volksbühne.

Seitdem herrschte Stille. Vier Jahre später sind Vinge und Müller wieder da. Böse Zungen könnten behaupten, Intendant Thomas Oberender hätte die Künstler möglichst weit weg von seinem Haus der Festspiele untergebracht, um keine Konflikte zu provozieren. Vinge selbst lässt vom Balkon seines „Nationaltheaters“ verkünden, dass er keinen vorzüglicheren Bezirk als Reinickendorf kenne, schließlich gäbe es hier „die schönsten Gullydeckel der Stadt“. Der Provokateur lässt noch viel mehr Ansichten unters brav wartende Publikum streuen. Gut anderthalb Stunden stehen sich die Premierengäste in sehnsuchtsvoller Erwartung, das Theater betreten zu dürfen, die Füße platt.

Irgendwann wird klar, dass wieder Ibsen verhandelt wird

Dann endlich geht es rein. Welcome to Ida Müllers Pleasuredome: An der Decke „hängt“ ein gemalter Kronleuchter, die Sitzbänke erinnern an einen Hörsaal. An der Wand prangen neben Filmplakaten von „Aguirre“ bis „Rambo“ auch Vinges Helden: Henrik Ibsen und Richard Wagner. Erker und Balkone machen die Seitenwände zur Spielfläche. Der Abend steht im Zeichen der „Panini-Kathedrale“ und entpuppt sich dabei als eine Abrechnung. Zwischen den handgemalten Bildern sämtlicher Fußballspieler der Weltmeisterschaft von 1982 beklagt Vinge „fünf Jahre deutsches Institutionstheater und dass die Wunden niemals weggehen“.

Der Rest ist altbekannt: Wie schon in den vorangegangenen Inszenierungen wird viel mit Kunstblut, später auch „Artistic Juice“ (Sperma) und Exkrementen gearbeitet. Live-Schaltungen wechseln sich mit vorproduzierten Videosequenzen und Bühnenspiel ab. Vinge kommentiert durchs verzerrte Mikro das Geschehen. Dazu ertönt reichlich Opernmusik und nach und nach wird auch klar, dass Vinge wieder Ibsen, dieses Mal „Baumeister Solness“, verhandelt. Was dann passiert, lässt sich nicht mehr sagen. Bis zur letzten U-Bahn haben es die meisten Zuschauer ausgehalten. Danach bleibt nur noch der harte Kern. Zurück bleibt die Erkenntnis, dass Vegard Vinge und Ida Müller ihre radikale Ästhetik perfektioniert haben.

Nationaltheater Reinickendorf, Eichborndamm 165/167, Reinickendorf. Nächste Termine: 15., 18., 22., 26. und 28.7., Restkarten vor 18 Uhr an der Abendkasse. Verkauf von Nachrückerkarten, sobald Gäste das Nationaltheater verlassen