Kultur

Koscher oder nicht koscher?

Das Jüdische Filmfest bietet auch in seiner 23. Ausgabe wieder reichlich Unerwartetes

In diesen Tagen taucht überall in der Stadt das Bild einer jungen Frau auf, die herausfordernd auf den Betrachter blickt, während sie sich einen riesigen Hummer ans Ohr hält. "Nicht ganz koscher" steht darunter. Es ist das Plakat für das Jüdische Filmfest Berlin Brandenburg, das am Sonntag beginnt. Und das Motto darf bei aller feinen Ironie durchaus ernstgenommen werden. Denn die inzwischen 23. Ausgabe des Festivals bietet in seiner Auswahl an Spiel- und Dokumentarfilmen auch immer wieder reichlich Unerwartetes. Vor allem die Filme aus Israel bilden ein breites Spektrum des Erzählkinos abseits von Holocaust und aktuellen Nachrichtenbildern über den Nahostkonflikt.

Die romantische Komödie "Through the Wall" begleitet eine orthodoxe Jüdin auf ihrer turbulenten Suche nach dem passenden Ehemann. Im lakonischen "Beyond the Mountains and Hills" seziert Eran Kolirin eine Familie, die in Israels gespaltener Gesellschaft und ihren Fallstricken versucht, anständig zu bleiben. Und der absurd-komische Film "Personal Affairs" blickt auf die Lebensentwürfe einer israelisch-palästinensischen Familie im Grenzgebiet.

Retrospektive zum 100-jährigen Ufa-Jubiläum

Eröffnet wird das Festival am Sonntag im Potsdamer Hans Otto Theater mit "Die Geschichte der Liebe", der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers der US-amerikanischen Schriftstellerin Nicole Krauss. Zur feierlichen Gala kommen Hauptdarsteller Sir Derek Jacobi und Regisseur Radu Mihăileanu. Ebenso berührend wie verschachtelt erzählt er von einer Liebe, die in einem polnischen Schtetl in den Dreißigerjahren beginnt und die Jahrzehnte und Gräuel des Naziregimes überdauert. Wie bei vielen Filmen dieses Jahrgangs handelt das Drama von der Macht der Erinnerung, die Menschen ein Leben lang nicht loslässt.

Welcher Verlust für das hiesige Kino die Vertreibung und Verfolgung jüdischer Filmemacher aus Deutschland war und ist, zeigt die Retrospektive zum 100-jährigen Ufa-Jubiläum. Die Hommage widmet dem nach England emigrierten Emeric Pressburger, der unter anderem zusammen mit Billy Wilder das Drehbuch zur Erich-Kästner-Verfilmung "Emil und die Detektive" schrieb und später im Exil Meisterwerke wie "Colonel Blimp" inszenierte. Ein besonderer Höhepunkt wird am 4. Juli der kaum bekannte Dokumentarfilm "The Making of An Englishman" sein, den Pressburgers Enkel Kevin MacDonald 1995 über seinen berühmten Großvater drehte. Der Oscarpreisträger ("Ein Tag im September") wird sein Frühwerk persönlich vorstellen. "Dem Vergessen entrissen" nennt Festivalleiterin Nicola Galliner diese Reihe, die damit auch daran erinnern will, dass "die jüdischen Exilantinnen und Exilanten nie zurückgerufen worden sind".

Einem ebenfalls fast in Vergessenheit geratenen Berliner Helden widmet sich der Dokumentarfilm "The Essential Link: The Story of Wilfried Israel" über den Leiter des Kaufhauses Nathan Israel an der Spandauer Straße, der sogenannte "Kindertransporte" organisierte und Tausenden Juden das Leben rettete.

Neben den historischen Themen sind es vor allem Filme, die sich mit dem jüdischen Leben heute auseinandersetzen. Gängige Klischees und Vorurteile werden mal spielerisch auf die Schippe genommen, wie bei Yair Qedar, der in seinen fiktiven Dokus "vergessene" Künstlerinnen porträtiert, die in Wahrheit nie existiert haben. Oder sie berühren wie die unglaubliche Geschichte des amerikanischen Gebrauchtwagenhändlers Butch, der sich im letzten Lebensdrittel noch einmal neu erfindet und zu "Uncle Gloria", einer reizenden jüdischen Dame, wird.

"Praise the Lard", das englische Wortspiel, lobt nicht Gott, sondern ausgerechnet den Schmalz. Der Film handelt davon, wie ein Tabu in der jüdischen Religion, Schweinefleisch, zu einer großen Industrie in Israel wurde. Als Vorspeise wird dazu die Komödie "The Chop" serviert, in der ein jüdischer Metzger inkognito bei einer muslimischen Fleischerei anheuert und für reichlich Verwirrung sorgt. Eben im besten Sinne nicht ganz koscher.

Finanzierung steht auf wackeligen Beinen

Die Finanzierung des Festivals, das bis zum 11. Juli in 14 Kinos in Berlin und Brandenburg stattfindet, steht allerdings auf wackeligen Beinen nachdem im vergangenen Jahr der Hauptstadtkulturfonds kurzfristig seine langjährige Förderung in sechsstelliger Höhe eingestellt hat. Rettung kam damals in letzter Minute vom Auswärtigen Amt. Zur Eröffnung erschien Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und versprach Unterstützung. Es blieb ein Lippenbekenntnis. Nun wird es interessant sein, was Justizsenator Dirk Behrendt, der diesmal den abwesenden Müller vertritt, zu sagen hat. Denn der Erhalt dieses Festivals ist nicht nur angesichts des wiedererstarkenden Antisemitismus wichtiger denn je. Es ist auch schlicht und ergreifend eine kulturelle Institution und Bereicherung der Stadt und der Region.

Jüdisches Filmfest Berlin Brandenburg: 2. bis 11. Juli in 14 Kinos, Programm unter: www.jfbb.de

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