Kultur

Zwischen Experiment und Sicherheit

Ein Serenaden-Abend mit viel dunkler Klangfarbe verlangt einem reduzierten Philharmoniker-Ensemble einiges ab

Ein Serenaden-Programm mit frühem Brahms und mittlerem Dvořák – wer denkt da nicht an einen sommerleichten Philharmoniker-Abend? Ganz so leicht doch nicht, vor allem nicht bei Dvořáks d-Moll-Serenade op. 44: ein sehr dunkel instrumentiertes Werk ohne Geigen, Bratschen und Flöte, dafür aber mit umso brummigerem Kontrafagott. Der Grund, weswegen die Philharmoniker diese Serenade zuletzt 1991 spielten, dürfte auf der Hand liegen. Es handelt sich um kein sinfonisches Werk, sondern um eine zwölfköpfige Kammermusik, die für die Bläser eines traditionellen Sinfonieorchesters unangenehm sein kann – nicht zuletzt weil der tragende, schützende Klang der hohen und mittleren Streicher fehlt. Und tatsächlich: Das Ensemble unter Leitung von Sir Simon Rattle scheint sich nie ganz wohlzufühlen mit dieser Musik. Schwächen bei Zusammenspiel, Balance und Intonation sind die Folge. Schwächen, die auch durch die beherzte Führung des Solo-Oboisten Albrecht Mayer und den musikantischen Zugriff des Ensembles nicht überdeckt werden.

Trotzdem muss man Rattle dankbar sein für dieses Experiment, zumal die Kopplung mit Brahms‘ zweiter Serenade op. 16 sehr interessant ist: In beiden Fällen knüpfen die Komponisten auf rätselhafter Weise an Mozarts Bläserserenade KV 361 an, in beiden Fällen herrschen dunkle, gedeckte Klänge vor. Doch schlägt Brahms einen deutlich gelehrteren Stil an als Dvořak, inklusive altertümlicher Sequenzmuster und kontrapunktischer Konstruktionen – alles unter dem Denkmantel einer lockeren Gesellschaftsmusik, die der damals 26-Jährige sicherlich gewählt hatte, um hohe Erwartungen an ihn zu unterlaufen. Letztlich war es eine Vorübung auf dem Weg zu größerer Sinfonik, in der freilich schon die spätere Meisterschaft des gebürtigen Hamburgers erkennbar ist.

Und Mark-Anthony Turnages „Remembering“? Ein ebenfalls dunkles Werk, das perfekt zwischen Dvořák und Brahms passt: Denn Turnages viersätzige Sinfonie im Gedenken an den jung verstorbenen Sohn des Jazz-Gitarristen John Scofield wirkt an keiner Stelle wie ein Experiment. Es ist ein Werk, das vollkommene künstlerische Gewissheit ausstrahlt. Beim Engländer Turnage, Jahrgang 1960, fühlt man sich erinnert an den Expressionismus von Bartók und Strawinsky, den frühen Jazz, den Neoklassizismus Schostakowitschs und die Spätromantik Mahlers. Und trotzdem lebt Turnages‘ präzise, düstere Klangsprache von der Beschränkung – nichts wirkt spielerisch, auf Show-Effekt hin angelegt. Stattdessen: pure Seriosität, verhaltene Feierlichkeit.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.