Open-Air-Festival

So war's bei der Schlagernacht in der Berliner Waldbühne

Matthias Reim, Vanessa Mai, Maite Kelly, Thomas Anders und Howard Carpendale begeistern 20.000 Schlagerfans in Berlin.

Fans beider Schlagernacht in der Waldbühne

Fans beider Schlagernacht in der Waldbühne

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Schon auf dem Hinweg spürt man, es liegt etwas in der Luft. Die S-Bahn wird voll und voller, und trotzdem guckt keiner genervt. Sich wildfremde Menschen kommen ungezwungen ins Gespräch miteinander, sind voller Vorfreude und haben ein gemeinsames Ziel - die Waldbühne. Die Wege dorthin sind schon am frühen Nachmittag mit Unmengen von leeren Proseccoflaschen gesäumt, denn für die große Party will man in Stimmung sein.

Es steht die Open Air-Ausgabe der Schlagernacht 2017 an. Ein Staraufgebot, das Schlagerfans Freudentränen in die Augen treibt und als riesiges Entertainment-Format zweimal jährlich durch die Republik tourt. Es sprengt jeden üblichen Rahmen, deswegen beginnt diese "Nacht" auch schon sehr früh. Nachmittags um vier macht die junge Linda Hesse den Auftakt und übergibt den Staffelstab sogleich an Howard Carpendale. Dem folgen Ben Zucker, Mickie Krause, Vicky Leandros, Semino Rossi, Kerstin Ott, Beatrice Egli, Achim Petry, Maite Kelly, Thomas Anders, Vanessa Mai und Matthias Reim nach. Erst nach knapp sieben Stunden ist endgültig Feierabend.

Da muss man Kondition haben. Bei der Schlagernacht wird niemandem Zeit gegeben, sich allmählich einzugrooven. Die Arena ist pünktlich gefüllt und von Anfang an wird Gas gegeben, auf und vor der Bühne. Howard Carpendale ist der erste der Superstars und hat mit "Hello Again" sein Publikum sofort in der Hand. Ein Evergreen, dessen Refrain aus Tausenden Kehlen aus dem Rund des Amphitheaters auf die Bühne zurückschallt.

Ein Exzess, ein Schlager-Overkill, eine ausschweifende Party

Textsicher sind die nahezu 20.000 Schlagerfans, es stehen allerdings auch viele Superhits auf dem Programm, die beinahe jeder kennt - von "Alice" über "Tausend Mal berührt" bis hin zu Wolfgang Petrys "Wahnsinn", dargeboten von seinem Sohn Achim. Was das Mitsingen angeht, dürften einige noch recht heiser sein, aber das gehört zu einer Schlagernacht dazu. Diese Veranstaltung ist ein Exzess, ein Schlager-Overkill, eine ausschweifende Party.

Ja, vor allem eine Party. Ein typisches Konzert ist die Schlagernacht eigentlich nicht. Das beginnt schon bei der Dramaturgie, die sich über so viele Stunden hinzieht und von zwei Damen moderiert wird. Es gibt auch keine Bands bzw. Instrumente, denn abgesehen von den Stimmen kommt ausnahmslos alles vom Band. Die Schlagerstars wirken wie Familienmitglieder, die mit ihren Gesangeinlagen einfach ein großes Fest bereichern. Eines, auf dem nicht von Problemen geredet werden soll. "Meine Lieben" ist denn auch die bevorzugte Anrede fürs Publikum.

In diesem entwickelt sich eine freudvolle Eigendynamik. Pärchen im besten Alter legen eine flotte Sohle auf die Steinplatte, aufgemotzte Freundinnen liegen sich selig in den Armen und ein paar Omas haben sich ein extravagantes Kaffeekränzchen geleistet. Muckibudenstammkunden verdrücken im Minutentakt ihr Bier, andere süffeln aus riesigen Pötten Erdbeerbowle. Überall wird hemmungslos mitgegrölt und fröhlich geschunkelt, irgendwann ist eine Polonaise dran, später eine La Ola-Welle. Es wird nichts ausgelassen, was Stimmung bringt.

Berlinerin Kerstin Ott sorgt für einen der schönsten Momente

Die Waldbühne ist dafür natürlich ein perfekter Ort, auch etliche Künstler betonen das wiederholt. Newcomer bekommen hier schnell weiche Knie, wenn sie vor den hoch aufsteigenden Rängen stehen, die wie bei der Schlagernacht bis auf den letzten Platz besetzt sind. Linda Hesse ging es so und auch Kerstin Ott und beide gestanden es sympathischer Weise unumwunden ein. Ott sorgte mit ihrem Song "Die immer lacht" für einen der schönsten Momente des Abends, die gesamte Arena sang mit und gab der Berlinerin einen verdienten Support.

Musikalisch wird ein Schlagerfeuerwerk geboten, dass die überschaubare Stilbreite des Genres gut abbildet. Von klassisch arrangierten Hits wie "Ich liebe das Leben" von Vicky Leandros - die übrigens eine sehr gute Figur machte - bis zu den prolligen Ballermann-Nummern eines Mickie Krause war alles dabei. Eine perfekt gestylte Beatrice Egli auf roten High Heels, die ihre blonde Mähne gekonnt von links nach rechts wirft, steht heute ebenso für den Schlager, wie der tätowierte Ben Zucker mit seiner Rockertolle.

Seit beinahe zwanzig Jahren steht auch Thomas Anders, ehemals Modern Talking-Partner von Dieter Bohlen, wieder einmal auf der Walbühne. Er macht derzeit Werbung für ein neues Album und zeigt sich von einer ganz ungewohnten Seite, denn neuerdings singt er auf Deutsch. Er, Schlagersuperqueen Vanessa Mai, die in kurzen schwarzen Hosen auf die Bühne kommt und ein T-Shirt mit der Aufschrift "Mrs." trägt, mit dem sie wohl auf ihre kürzlich vollzogene Trauung hinweisen wollte, sowie Altmeister Matthias Reim beenden das Schaulaufen der Schlagerstars.

Das Publikum gibt bis zuletzt alles, obwohl man einigen die Erschöpfung schon ansieht - kein Wunder bei so einem Marathon. Zuletzt springt nicht mehr jeder flugs von seiner Bank auf, sobald eine bekannte Melodie ertönt. Stundenlanges Arme in die Höhe recken und Mitklatschen ermüden einen doch irgendwann. Da muss schon ein Matthias Reim den Abschluss machen, um die Partygäste noch einmal richtig in Wallung zu bringen. Manch einer fixiert das Geschehen zwar nur noch mit trübem Blick, aber selig ist auf dem Nachhauseweg schließlich jeder. Das Konzept der Schlagernacht bewährt sich immer wieder und die nächsten Events sind bereits geplant: Im Herbst in der Mercedes-Benz Arena und im Juni 2018 wieder in der Waldbühne. Tickets werden bereits verkauft und sind erfahrungsgemäß schnell weg.

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