Kultur

„Menschen sind immer verführbar“

In Rafael Seligmanns neuem Roman stellen Rechtspopulisten den Bundeskanzler. Ein Gespräch über Macht und Antisemitismus

„Deutsch meschugge“ heißt das Buch von Rafael Seligmann (Transit Verlag, 288 Seiten, 24 Euro), das dieser Tage erschienen ist. Im Zentrum steht die politische Karriere des Juden Paul Levite. „Allenthalben war er gescheitert“, schreibt Rafael Seligmann über ihn, „selbst als Drücker für Finanzmodelle. Und das als Jude!“ In der Politik wird Paul Levite dann erfolgreich – und das ausgerechnet in einer deutschnationalen Partei, die Ausländer, Muslime und Juden verachtet. Diese Partei erzielt im Jahr 2019, von diesem Jahr handelt das Buch, einen überwältigenden Erfolg. Rafael Seligmann, Jahrgang 1947, ist Historiker und Politologe. Wir haben ihn in seinen Büroräumen in der Uhlandstraße getroffen.

Herr Seligmann, was war Ihr Impuls dieses Buch zu schreiben?

Rafael Seligmann: Es war der Roman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq. Er wollte zeigen, wie korrupt die Intellektuellen sind. Ich habe seinem Szenario nicht getraut. Meine Überzeugung ist: die Wählerschaft würde einen Populisten gegenüber dem Moslem vorziehen.

Sie schreiben, dass Ihr Buch von der Versuchung der Macht und der Verführbarkeit der Menschen erzählt. Ist es auch ein Buch über Deutschland? Oder hätte das überall passieren können?

Das könnte überall geschehen. Der Mensch ist grundsätzlich verführbar – und der Wähler erst recht.

„Macht ist das stärkste Aphrodisiakum, noch wirksamer als Geld“, heißt es bei Ihnen.

Ich glaube, ab einer bestimmten Fallhöhe wollen alle die Macht. Wenn Politiker und Wirtschaftsführer lange genug an der Macht waren, glauben sie, dass ihnen das Land, das Unternehmen gehört. Rational nicht, gefühlt schon.

In Ihrem Roman sind die Deutschnationalen astreine Ausländerfeinde und jubeln dann dem jüdischen Kandidaten Levite zu. Ist das plausibel?

Selbstverständlich. Er muss nur ihrem Bild entsprechen. Paul Levite ist autoritär genug und bringt sie an die Macht. Das Führer-Prinzip, das Zackige, ist entscheidend.

Hätte eine deutschnationale Partei hierzulande eine Chance?

Ja. Nicht bei Vollbeschäftigung, aber in einer Krisensituation kann jede autoritäre Partei überall auf der Welt erfolgreich sein.

Wie Sie den Aufstieg Levites schildern, zeigt Ihre Faszination an Machtpolitik. Was ist entscheidend, um in einer Partei aufzusteigen?

Die Fähigkeit, Anhänger mitzunehmen, ihren Wünschen zu entsprechen. Damit ist nicht Bestechung, sondern emotionale Sicherheit gemeint, nach dem Motto „Der weiß, was er will“. Martin Schulz ist kein politischer Populist. Er kam aus Brüssel und versprach der SPD, sie wieder zu ihren guten Zeiten zurückzuführen. So gewann er auf dem Parteitag 100 Prozent – 100 Prozent gab es nie zuvor bei der SPD. Er hat der Partei, wenn auch nur für eine Weile, Zuversicht gegeben.

Lassen Sie uns über ihr Politikverständnis sprechen. Es gibt keine Überzeugungen, keine Haltungen, nur Taktik. Ist das Ihr Bild von der Politik?

Ja, von einem Großteil der politischen Klasse. Es gibt Politiker, die von Werten überzeugt sind und bereit sind, dafür Niederlagen hinzunehmen. Das hat mir an Gerhard Schröder imponiert, der wusste, dass ihm die Agenda 2010 politisch schaden würde. Es wäre der einfachere Weg für ihn gewesen, die Staatsverschuldung zu erhöhen. Er hat es nicht getan. Das hat ihm das Amt gekostet.

Ihr Buch ist bei einem kleinen Verlag erschienen.

Ich habe zwölf Bücher zuvor geschrieben und immer problemlos einen Verlag gefunden. Dieses Mal ging das Manuskript an acht Verlage, alle haben es abgelehnt. Sie hatten durchweg Angst. In zwei Fällen schrieb mir das Lektorat, sie wollten mein Buch. Nannten es „erschütternd“. Doch die Verlagsleitung lehnte kategorisch ab. Man hat Angst vor dem Szenario, dass in Deutschland eine populistisch-faschistische Partei die Macht übernehmen könnte – noch dazu unter Führung eines Juden.

Vielleicht haben die Ablehnungen auch einen anderen Grund. Ihrem Buch fehlt der positive Held, die Identifikationsfigur.

Das sehe ich anders. Paul Levite entwickelt sich positiv. Sobald er Kanzler ist, engagiert er sich für den Frieden. Und als er merkt, es geht nicht, resigniert er.

Das passiert auf den letzten 40 Seiten.

Ich habe kein Buch geschrieben, um einen positiven Helden zu zeigen. In dem Roman ist keiner besser, auch die Juden nicht. Warum auch? Ich habe ein Szenario durchgespielt, das ich als Politologe für möglich halte.

Wären Sie gern in die Politik gegangen?

Ursprünglich ja. Ich war Vorsitzender des Bundesverbandes Jüdischer Studenten. Doch ich merkte, dass alle, die mir begegneten, irgendetwas von mir wollten: Stipendium, Unterstützung bei einem Antrag, eine Fürsprache. Ich ertappte mich dabei mir die Frage zu stellen, was habe ich davon, wenn ich dem anderen einen Gefallen tue? Ich begann die Menschen funktional zu beurteilen. So wollte ich nicht sein. Ich habe den Vorsitz niedergelegt.

Der Antisemitismus in all seinen Ausprägungen zieht sich durch Ihr Buch. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Ich kam 1957 im Alter von zehn Jahren nach Deutschland. Damals war es normal, dass Schüler mich „Saujud“ riefen. Der Mathelehrer höhnte: „Wenn Ihr Hebräer nicht mal rechnen könnt, wie wollt Ihr dann die Kunden betrügen?“ Damals wurde der Ausgang des Zweiten Weltkriegs als Niederlage, nicht als Befreiung empfunden. Heute gehört es zum guten Ton, jüdische Mitbürger zu betrauern und zu bedauern. Es werden innige Reden bei Gedenkveranstaltungen gehalten. Seine Wut lässt man an Israel aus. 40 Prozent der Deutschen meinen, dass die Israelis mit den Palästinensern das tun, was die Nazis mit den Juden getan haben. Dazu fällt mir nichts mehr ein.