Kultur

Gediegener Abend mit einer strengen Kleopatra

Der französische Routinier Ludovic Morlot steht als Einspringer am Pult der Berliner Philharmoniker

Es kommt nicht oft vor, dass die Philharmoniker im „Berliner Fenster“ der U-Bahnlinien für ihre Konzerte werben. Doch diesmal scheint es wirklich notwendig gewesen zu sein: Nachdem nämlich sehr kurzfristig bekannt geworden war, dass der allseits beliebte Gastdirigent Yannick Nézet-Séguin wegen einer Armverletzung alle Auftritte absagen musste, hatten mindestens ebenso kurzfristig viele Konzertbesucher ihre Karten zurückgegeben – vermutlich weil ihnen der Einspringer Ludovic Morlot vollkommen unbekannt war.

Für den französischen Routinier, Jahrgang 1973, ist es allerdings schon das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, dass er einem Berliner Klangkörper aus einer plötzlichen Notlage hilft. Erst im Februar 2016 hatte er beim Deutschen Symphonie-Orchester den zukünftigen Chefdirigenten Robin Ticciati ersetzt, weil dieser wegen eines Bandscheibenvorfalls ausfiel.

Morlots Spezialität damals wie heute: Er übernimmt das geplante Programm vollständig, so ungewöhnlich es auch sein mag. Im Falle des DSO-Abends bedeutete dies, dass er sich in Windeseile Jörg Widmanns „Armonica“ aneignen musste. Eine etwas leichtere Herausforderung erwartet ihn nun bei den Philharmonikern: Berlioz’ lyrische Szene „Cléopâtre“ steht auf dem Programm, ebenfalls kein alltägliches Werk, doch immerhin eines, das die Musiker vor neun Jahren mit Sir Simon Rattle gearbeitet und später auch auf CD veröffentlicht hatten.

Den Part der damaligen Mezzo­­so­pranistin Susan Graham singt nun ihre Landsfrau Joyce DiDonato. Anders als Graham verfügt DiDonato über keinen sympathischen, klangschönen Mezzo, den sie lyrisch strömen lässt. Im Gegenteil sogar: Ihr ist eine gebieterische, Ehrfurcht erzwingende Stimme eigen, eine Stimme mit Tendenz zu stählernem Glanz, die jeden Ton bewusst und expressiv gestaltet. Eine Sängerin von übergroßer Bühnenpräsenz. Einer Präsenz, die leicht vergessen lässt, wie inspi­rierend die Philharmoniker derweil unter Morlots gediegener Leitung spielen – und mit welch großer Lust sie die Berlioz-Partituren ausreizen.

Viel glatter und farbprächtiger mutet zuvor Ravels „Ma Mère l’Oye“ an, während das Orchester in der zweiten Konzerthälfte wiederum mit einer umso unausgewogeneren Version von Strawinskys „Feuervogel“-Suite aufwartet.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.