Kultur

Bibliothek eines jüdischen Ehepaares zurückgegeben

Nichte wünscht sich Stolperstein vor der ehemaligen Praxis

"Dieser Bücherfund ist überwältigend – so lange nach dem Krieg. Ich bin sehr bewegt", sagt Renée Hirschfeld. In der Zentral- und Landesbibliothek fanden sich 20 Bücher aus dem Besitz von Jacob und Käthe Kahn, ihrem Großonkel und ihrer Großtante. Der jüdische Arzt und seine Frau führten gemeinsam eine gut laufende Praxis in der Strahlauer Allee 31, wo sie auch wohnten. Im Herbst 1938 traf sie das Berufsverbot für jüdische Ärzte. Das Ehepaar musste Praxis und Wohnung aufgeben und in eine kleine Hinterhauswohnung in der Mommsen-straße ziehen. Von dort aus wurden sie 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo beide umkamen. Ihr Besitz wurde beschlagnahmt, darunter die Bibliothek.

Seit 2009 beschäftigt die Zentral- und Landesbibliothek zwei Mitarbeiter, die die Bestände nach jüdischem Eigentum durchforsten, das zurückgegeben werden soll. Käthe und Jacob Kahn hatten ihre Bücher sorgfältig mit Namen und Adresse etikettiert, deshalb war die Spurensuche einfacher als in anderen Fällen. Das Paar war kinderlos, aber die Recherche führte zur Großnichte in Schweden, der die Bücher nun in der W. Michael Blumenthal Akademie überreicht werden konnten.

Niemand weiß genau, wie die Bände in die Bibliothek kamen

Wie die Bände in die Stadtbibliothek kamen, weiß niemand mehr genau. Sie wurden 1951 gemeinsam mit Tausenden von anderen Büchern vom Berliner Magistrat angekauft. Unter den Büchern befinden sich Jacob Wassermanns letzter Roman "Joseph Kerkhovens dritte Existenz", "Die Doktorschule" von Max Nassauer, Oswald Menghins Rassenkunde "Geist und Blut" sowie die "Geschichte der Juden in Deutschland".

"Käthe und Jacob Kahn waren offensichtlich politisch interessierte Menschen. Die Bücher sind sehr aktuell für die damaligen Verhältnisse. Sie wurden viel benutzt, waren nicht nur Regalschmuck, sondern Teil ihres Lebens", meint der Bibliotheksmitarbeiter Sebastian Finsterwalder, der die Bücher ausfindig gemacht hat. Renée Hirschfelds Vater war nach Schweden geflohen. Ein paar der wiedergefundenen Bücher nimmt sie vielleicht als Andenken mit nach Hause, doch weder sie noch ihre Kinder können Deutsch lesen. Der Großteil der Bücher bleibt in Berlin. Renée Hirschfeld hat sie dem Jüdischen Museum geschenkt. Ein Anliegen hat sie noch: "Es sollte einen Stolperstein für Käthe und Jacob Kahn in der Strahlauer Allee 31 geben, das wäre schön."

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