Neue Biografie

Albert Speer - Der Mann, der Nazi sein wollte

Hitlers Architekt und Handlanger: Eine neue Biografie über Albert Speer räumt mit vielen Legenden auf

Gern in der Nähe Hitlers: Fritz Sauckel, Generalbevollmächtigter für Zwangsarbeit und Gauleiter der NSDAP in Thüringen, Albert Speer (2.v.l.) und Adolf Hitler (2.v.r.) inspizieren mit anderen Funktionären das Modell eines Verwaltungsgebäudes

Gern in der Nähe Hitlers: Fritz Sauckel, Generalbevollmächtigter für Zwangsarbeit und Gauleiter der NSDAP in Thüringen, Albert Speer (2.v.l.) und Adolf Hitler (2.v.r.) inspizieren mit anderen Funktionären das Modell eines Verwaltungsgebäudes

Foto: Getty Images / Corbis Historical/Getty Images

Es muss im Juli oder im August 1933 gewesen sein, als Albert Speer zum ersten Mal auf Adolf Hitler traf. Es ging um die Vorbereitung des NSDAP-Parteitags in Nürnberg. Speer, schon seit mehr als zwei Jahren Parteimitglied, hatte einige Entwürfe erarbeitet – denn er war nicht nur auf dem Weg, der führende Architekt des NS-Staates zu werden, sondern widmete sich mit voller Energie auch der Choreografie seiner Massenveranstaltungen.

Seltsam selektive Erinnerungen

„Die Wohnung Hitlers“, erinnerte er sich viele Jahre später, „lag zwei Treppen hoch. Ich wurde zunächst in einen Vorraum eingelassen, der mit Andenken und Geschenken niedrigen Niveaus vollgestellt war. Auch die Möblierung zeugte von schlechtem Geschmack. Ein Adjutant kam, öffnete eine Tür, sagte formlos ,Bitte‘, und ich stand vor Hitler, dem mächtigen Reichskanzler. Vor ihm auf dem Tisch lag eine auseinandergenommene Pistole, mit deren Reinigung er anscheinend beschäftigt war. ,Legen Sie ihre Zeichnungen hier drauf!‘, meinte er knapp. Ohne mich anzusehen, schob er die Pistolenteile auf die Seite, betrachtete interessiert, aber wortlos meinen Entwurf: ,Einverstanden‘. Nichts weiter. Da er sich wieder seiner Pistole zuwandte, verließ ich etwas verwirrt den Raum.“

Es ist so eine Sache mit den Erinnerungen, zumal mit denen Albert Speers. Sie für bare Münze zu nehmen, wäre naiv, wenn nicht sogar fahrlässig. Ihm, der nach dem Krieg seine 20-jährige Haftstrafe im Kriegsverbrechergefängnis Spandau absaß, ging es allzu offensichtlich auch um Selbstrechtfertigung, um das Herunterspielen der eigenen Begeisterung für den Nationalsozialismus. Dass Hitler hässlichen Nippes sammelte und sich ebenso hässlich einrichtete, dass er sich im persönlichen Gespräch aufführte wie ein schmieriger Capo der Mafia: dergleichen wäre dem jungen Speer, der vor allem den eigenen Aufstieg im Sinn hatte, nicht über die Lippen gekommen.

Karriere zu "einer Art Trance" umgedeutet

Die Zahl der Bücher, die bereits über ihn geschrieben wurden, belegt die Faszinationskraft dieser historischen Figur. Seine Herkunft aus gutem Hause, sein entsprechend großbürgerlicher Habitus mit stets tadelloser Kleidung, nicht zuletzt seine akademische Bildung: das alles schien ihn zum exemplarischen Fall eines Milieus zu machen, das sich nach dem Krieg nach Erklärungen dafür sehnte, wie man mit Hitler und den Seinen gemeinsam in den Abgrund hatte reiten können. Und Speers Erinnerungen boten da eine willkommene Handreichung: „Indem er“, schreibt Magnus Brechtken in seiner neue Maßstäbe setzenden Biografie, „seine Karriere zu einer Art Trance umdeutete, in die er zwölf Jahre lang gefallen sei, nahm er deren Leistungen für sich in Anspruch, um zugleich die Folgen seines Tuns von sich zu schieben“. Hitler als gewiefter Hypnotiseur, dem man bis hin zu Weltkrieg und Holocaust willenlos folgte, das war das Erklärungsmuster, das von der Last der Schuld befreien sollte.

Es findet sich, mal mehr, mal weniger verbrämt, auch in den beiden Büchern von Gitta Sereny und Joachim Fest, die in den 90er-Jahren von Albert Speer erzählten und die, wie Brechtken mit Recht bemerkt, eine systematische Arbeit an den Quellen vollständig vermissen ließen. Seine Biografie ist das Ergebnis akribischer Arbeit in den Archiven – und ist auf diese Weise zu dem geworden, was sie über alles bislang Geschriebene heraushebt: eben nicht nur eine Lebenserzählung, sondern auch eine Kritik der Selbstüberlieferung Speers, ein Verzeichnis seiner Lügen, Halbwahrheiten und Legenden.

Speer suchte früh die Nähe Hitlers

Und daraus ergibt sich dann doch ein Bild, das von dem des schuldlosen Schlafwandlers erheblich abweicht. Speer wurde nicht hinterrücks von etwas infiziert, das ihm eigentlich fremd war. Er wollte aktiver Teil der Bewegung sein, er suchte früh Hitlers Nähe, er genoss die Zugehörigkeit zum inneren Zirkel, das Gefühl der Unersetzlichkeit berauschte ihn. Er war Zeuge und Exekutor der Ausgrenzungspolitik gegenüber jüdischen Mitbürgern, er war als Kriegslogistiker an den Eroberungsplänen Hitlers unmittelbar beteiligt. Und er verlieh dem imperialen Geltungsanspruch des Regimes seine monumentale Ästhetik. Albert Speer, das belegt Brechtken immer wieder, taugt nicht als Entlastungszeuge. Er war ein Mann, der Nazi sein wollte.

Aber in den Erinnerungen, die er nach dem Krieg in Spandau verfasste, spielte das alles eine untergeordnete Rolle. Die systematische Vernichtung der europäischen Juden schien ihm kaum erwähnenswert. Umso erhellender deshalb, was Brechtken etwa über seine Zeit als Rüstungsminister schreibt – ein Amt, das er von Fritz Todt übernahm, der am 8. Februar 1942 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. „Speer“, notierte Goebbels in seinen Tagebüchern, „ist zweifellos der einzige Mann, der in der Lage ist, das große Erbe des Toten seinem Sinn und seinem Programm gemäß zu verwalten.“

Enge Zusammenarbeit mit Heinrich Himmler

Und genau diesem Projekt galt auch sein ganzer Ehrgeiz. Mit dem Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, stand er im engsten Austausch. Himmler hatte sich im Sommer 1942 in Auschwitz die Ermordung holländischer Juden in einer Gaskammer vorführen lassen, bevor er nur eine Woche später auf Speer traf. Speer wiederum stellte die Vergrößerung des Barackenlagers in Auschwitz sicher und sprach im Zynismus der Systemsprache davon, dort Arbeitskraft für die Rüstung „abzuschöpfen“.

Speers aktive Mitarbeit an den Verbrechen des Regimes belegt dieses spannend zu lesende Buch in Hülle und Fülle. Seine Leistung liegt darin, Legenden zu zertrümmern, die sich viel zu lange gehalten haben.

Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Siedler, 912 Seiten, 40 Euro.

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