Kultur

Warten auf den Geistesblitz

Was ist Inspiration? Und wer braucht sie heutzutage? Zwei Berliner Autorinnen haben nach Antworten gesucht

Solange ich hier noch über den richtigen Text-Anfang nachdenke, kann ich Sie ja schon mal was fragen. Finden Sie es interessant, dass an dieser Stelle ein Buch über Inspiration besprochen wird? Gut. Es ist nämlich ein richtig gutes Buch, weil – war ja klar. Ein paar Zeilen, und schon sind Sie nicht mehr richtig bei der Sache. Denken ans Wochenende. An Einkäufe. Grillwetter, ja oder nein? Und wenn ja: was?

Macht gar nichts. Schweifen Sie ruhig ab. Blättern Sie den Prospekt mit dem Grillsortiment durch. Das Hirn arbeitet derweil. Vor allem, wenn Sie vorher bewusst eine Frage formuliert haben. Das kann die Grillfrage sein, aber auch Grundsätzliches: Jobwechsel, ja oder nein? Was hat mich früher beflügelt? Starren Sie melancholisch auf die marinierten Chicken Wings. Und dann, plötzlich, wie aus heiterem Himmel, könnte es passieren: Pling! Heureka, der Einfall ist da, Problem gelöst. Dank langer Weile. Bitte, gern geschehen. Mir ist inzwischen auch mein Text-Anfang eingefallen.

Geistesblitze lassen sich nicht herbeizwingen. Aber man kann günstige Bedingungen für sie schaffen. Das Daran-Vorbeidenken ist eine davon. So beschreiben es die Berliner Autorinnen Iris Döring und Bettina Mittelstraß in ihrem Buch "Inspiration. Wie Gedanken in den Kopf kommen und daraus Ideen entstehen". Es handelt sich dabei nicht um einen jener zwanghaft gut gelaunten Selbstoptimierungsratgeber mit dem Ziel, den Leser zum Selbstausbeuter zu erziehen.

Was die Gestalterin Döring und die Wissenschaftsjournalistin Mittelstraß versuchen, ist die Einkreisung und die Rehabilitierung eines Zustands und eines Begriffs. Was weiß die neue Hirnforschung, was die Psychologie über die guten alten Musenküsse? Wie reden, nun ja, Betroffene darüber? Gibt es Trainingstipps? Menschen beschreiben seit Jahrhunderten ähnlich, was ihnen da passiert: Es überkommt sie scheinbar aus dem Nichts eine "euphorische Schaffens- und Gestaltungskraft", und die kann wahnsinnige Züge annehmen. Weder hält sie ewig an, noch ist sie zur Stelle, wenn man sie am dringendsten braucht. Ihre Unzuverlässigkeit allein rückt die Inspiration noch nicht in zweifelhaftes Licht. Künstler, schreiben die Autorinnen, distanzierten sich heute von dem Begriff. Schlecht fürs Image: seine Nähe zum Irrationalen. Wörtlich bedeutet er "Einhauchung", als wäre man nichts als ein Gefäß, in das eine göttliche Instanz etwas Hochgeistiges hineinpustet.

Inspiration ist den Autorinnen zufolge aber etwas Demokratisches, das nicht nur Künstler und Wissenschaftler angeht. Jeder steht mal vor Fragen wie der Wahl einer Wandfarbe oder Kochzutat. Bloßer Lifestyle ist Inspiration trotzdem nicht. Sie kommt gern zu dem, der die eigene Wahrnehmung trainiert. Dazu gehört das Wissen, dass ein anderer dieselbe Sache anders sehen kann. Darin liegt die politische Dimension dieses unaufgeregten, gut verständlichen und dennoch anspruchsvollen Büchleins: Inspiration und wie wir mit ihr umgehen ist ein Indikator dafür, wie empfänglich jeder Einzelne für den anderen ist. Könnte sein, dass wir sie derzeit sehr nötig haben.

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