Berlin-Konzert

Die Marathon-Männer von Deep Purple rocken immer weiter

Die Rock-Dinos von Deep Purple beweisen auch in der Mercedes-Benz-Arena Durchhaltevermögen. Der Mega-Hit fehlt natürlich auch nicht.

Sänger Ian Gillan gab wieder alles

Sänger Ian Gillan gab wieder alles

Foto: Sven Hoppe / dpa

Sie sind die letzten ihrer Art. Sie sind Zeitzeugen einer vergangenen Epoche. So wie die Rolling Stones auch noch mit über 70 Jahren die Fahne des Rock’n’Roll auf den Bühnen der Welt hochhalten, so demonstrieren Deep Purple immer wieder von neuem, wie sie in den 70er-Jahren aus dem Geist des Blues und der klassischen Musik den Hardrock miterfunden haben. Mit ihrem Album „Deep Purple in Rock“ haben sie sich 1970 in den Annalen der Rockgeschichte eingegraben. Sie haben 1972 mit „Smoke On The Water“ einen Jahrhunderthit gelandet und der Musikwelt dazu noch das klassischste aller Rock-Riffs beschert. Und sie denken noch lange nicht ans Aufhören.

Aber natürlich wissen auch die Deep-Purple-Musiker um die Endlichkeit aller Dinge und die Gebrechen, die das Alter so mit sich bringen kann. Daran mag es liegen, dass sie ihrer neuen Tournee vorsorglich den Titel „The Long Goodbye“ gegeben haben, ohne freilich explizit zu betonen, dass dies ihre Abschiedstournee sein könnte. Von Abschiedsstimmung ist auch nichts zu spüren, als Sänger Ian Gillan am Dienstagabend vor 7500 Fans auf die Bühne der Mercedes-Benz Arena tritt und mit beschwörender Grabesstimme die Zeilen „Descending the cold steps of the institution for the politically insane“ rezitiert.

Live-Bilder zeigen Musiker in ihrer faltigen Würde

Es ist der Beginn des neuen Stückes „Time For Bedlam”, eine wuchtige Absage an alle politischen Verführer der Welt und das Chaos, das sie unter den Menschen verbreiten. Es vereint alle musikalischen Tugenden, die diese Band so groß gemacht hat. Einen stampfender Rhythmus, satte Gitarrenriffs, wechselnde Klangfarben, eine breitflächig knackende, keuchende Orgel. „Infinite“ heißt das gerade erschienene, mittlerweile 20. Album von Deep Purple, das es wie schon sein Vorgänger „Now What!?“ vor zwei Jahren auf Platz 1 der Charts geschafft hat.

Auf der breiten LED-Bildwand im Bühnenhintergrund, die von zwei kleineren Leinwänden links und rechts der Bühne flankiert wird, zitieren sie zu Beginn das legendäre Cover von „Deep Purple In Rock“, auf dem die Musiker in den Mount Rushmore gemeißelt waren. Nun sieht man die aktuelle Besetzung, deren Gesichter auf einen Eisberg modelliert sind. Der Glaube an die Ewigkeit wandelt sich zum Wissen um die Vergänglichkeit. Im Laufe des Abends werden Live-Bilder auf den Wänden zu sehen sein, die die Musiker ganz nah, in all ihrer faltigen Würde, zeigen.

Die unterschiedlichen Bandbesetzungen von Deep Purple seit dem Gründungsjahr 1968 werden von den Fans akribisch in den Kategorien Mark I bis Mark VIII verwaltet wird. Hier sehen wir die Mark VIII-Besetzung, die der klassischen Mark II-Besetzung von „Deep Purple in Rock“ am nächsten kommt. Schlagzeuger Ian Paice (68) ist der einzige, der noch von der Urbesetzung übrig ist. Doch schon ein Jahr später kamen Bassist Roger Glover (71) und Sänger Ian Gillan (71) dazu.

Legendär war einst der musikalische Schlagabtausch zwischen dem klassikverliebten Organisten Jon Lord und dem Gitarrenberserker Richie Blackmore. Blackmore hat sich 1994 in die Mittelalter-Folklore verabschiedet. Lord ist 2002 ausgeschieden und 2012 einem Krebsleiden erlegen. Ihre Plätze werden inzwischen versiert von Don Airey (68) und dem US-Gitarristen Steve Morse (62) besetzt. Und alle gehen sie virtuos und mit ungebremster Spielfreude zur Sache.

Mehr als Verwalter ihres Erbes

Nach „Bedlam“ geht es erst einmal schnurstracks und nahtlos in die ganz frühen Siebziger mit „Fireball“, „Bloodsucker“ und „Strange Kind of Woman“ und die Fans kommen in Bewegung. Aber es gibt auch jede Menge Frischware mit gleich vier Songs vom neuen Album und zweien vom Vorgänger. Ian Gillan, einst berühmt für sein berüchtigtes Kreischorgan, weiß mit seiner Stimme hauszuhalten. Die Stücke sind teils in tiefere Tonlagen transponiert. Manch vokalen Höhenflug deutet er nur an. Er macht das sehr geschickt, und eine Anstrengung wie „Child in Time“ umgeht er einfach dadurch, dass das Stück seit Jahren bereits nicht mehr zum Repertoire gehört.

Wenn die Musiker zu solistischen Höhenflügen ansetzen, verschwindet Gillan auch schon mal hinter der Bühne, verausgabt sich dafür umso mehr bei Klassikern wie „Perfect Strangers“, „Space Truckin‘“ und natürlich zum Finale bei „Smoke On The Water“, das die ganze Halle lautstark mitsingt, während im Hintergrund Bilder vom brennenden Casino von Montreux, um das es in dem Song geht, zu sehen sind. Im Zugabenblock gibt es noch den den ersten Hit, den Deep Purple 1968 mit der Joe-South-Coverversion „Hush“ landeten, und als Rausschmeißer, wie stets, einen der größten Deep-Purple-Erfolge: „Black Night“.

Diese Band beweist Durchhaltevermögen. Während sowohl Led Zeppelin als auch Black Sabbath, die in den Siebzigern mit Deep Purple das Triumvirat der hart rockenden Stilbildner formten, längst das Handtuch geschmissen haben, machen Ian Gillan & Co. unermüdlich weiter. Sie schaffen es, immer wieder anständige neue Platten einzuspielen und verstehen es, nicht einfach als Verwalter des eigenen Erbes um die Welt zu tingeln. Manch einer im Saal hätte sich aber wohl doch einiges mehr aus der Frühzeit gewünscht. Der Applaus ist dennoch dankbar und lautstark.