Kultur

Weichgespülte Rocker

Linkin Park begeistert in der Mercedes-Benz Arena. Am Anfang ihrer neuen Platte standen Gespräche

Linkin Park 2.0 ist angebrochen. Spätestens am Montagabend in der Berliner Mercedes-Benz Arena. Noch steht in ihrer Biografie: „Linkin Park ist eine im Jahr 1996 in Los Angeles gegründete Band, die zumeist dem Cross-over oder Nu Metal zugeordnet wird.“ Das war einmal. Jetzt beginnt ihre Show mit einem schwermütig vorgetragenen A-cappella-Gesang von Chester Bennington. Der steht da, ganz still, mit Sonnenbrille, Cap und Jeanshemd und singt die passenden Zeilen: „The truth is, you turn into someone else, You keep running like the sky is falling.“

Was nach peinlicher PR-Aktion klingt, funktioniert erstaunlicherweise ziemlich gut. Mehr als 50 Millionen verkaufte Tonträger, über 60 Millionen Facebook-Fans geben den Amerikanern recht. Und so schlecht macht sich Linkin Park gar nicht in diesem Pop-Kosmos, den sie spätestens mit ihrem neuen Album „One More Light“ mit Karacho betreten haben. 90 Minuten lang geht es durch Metal, Cross-over, Electro, Rock und Pop. Der Sound ist gut abgestimmt, die Bühne ganz schlicht. Nur die scheinbar diffus gerichteten Scheinwerfer lenken manchmal von den sechs Musikern ab.

Benningtons Stimme mit diesem unverwechselbar süßlich, leicht quäkigen Klang sorgt mit seinen Balladen „One More Light“ und „Crawling“ für Begeisterung bei den Fans – hin und her schunkeln sie mit ihren Handylichtern. Der Saal strahlt. Um dann, nur einen Song später, mit „Somewhere I Belong“ wieder den Zeitstrahl zurückzusprinten und die Rock-Qualität der Band unter Beweis zu stellen. Zwischendurch gibt Multitalent Mike Shinoda den Leader. Seine Raps sind cool und souverän. Es ist faszinierend, als was für eine Einheit diese Band auftritt. 21 Jahre Bandgeschichte sind nicht zu leugnen. Man hat den Eindruck, ein perfektioniertes Gericht serviert zu bekommen.

Der Auftritt in Berlin ist eine der ersten Liveshows seit der Veröffentlichung des am 19. Mai erschienenen Albums „One More Light“. Die vorab ausgekoppelte Single „Heavy“ sorgte für reichliche Diskussion unter den Fans. Zu poppig, eine Mischung aus U2 und Coldplay. So ganz mag dieser Song auch nicht in das Gesamterscheinungsbild an diesem Abend passen. Aber das trifft an diesem Abend auf einiges zu. Neben schwarz gekleideten, bärtigen 40-Jährigen stehen Händchen haltende Pärchen, die von ihrem Erscheinungsbild kaum konträrer aussehen könnten.

Erstmals hat die Band die Aufnahmen nicht mit musikalischen Proben begonnen, sondern mit Gesprächen. „Worüber mache ich mir Gedanken? Was ist für mich gerade am wichtigsten?“, seien Fragen dieser Gespräche gewesen, aus denen sich die Ideen für neue Lieder ergeben hätten: Depression und Tod, aber eben auch das manchmal banale Familienleben mit Kindern. Hast du die Zähne geputzt? Wo ist dein Rucksack? „Das ist ein typischer Tag, wenn du Kinder hast“, sagt Bennington. Aber dies seien auch Themen, die vor 15 Jahren niemand in der Band verstanden hätte. „Es kommt darauf an, wo wir im Leben stehen.“

An diesem Abend hat man den Eindruck, Linkin Park weiß sehr genau, wo sie stehen. Von der Kritik lassen sie sich jedenfalls nicht irritieren. Und obgleich sie sich nicht mehr ganz so ausgelassen über die Bühne bewegen, ist die Stimmung außergewöhnlich. Keiner sitzt, jeder Song wird gefeiert. Ob Pop, Rock oder Nu Metal.

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