Kuss-Performance

200 Menschen küssen sich im Bröhan-Museum

Mitmachen erlaubt: Im Bröhan-Museum in Charlottenburg gibt es eine wunderbare Ausstellung zum Kuss. Die wird auch lustvoll eröffnet.

Knutschperformance zur Eröffnung im Bröhan-Museum. Mal sehen, wie lange die Küsser durchhalten

Knutschperformance zur Eröffnung im Bröhan-Museum. Mal sehen, wie lange die Küsser durchhalten

Der Kuss ist mehr oder weniger eine eher kurze Geste. Wie schafft man es, anderthalb Stunden lang zu küssen? Die „postfaktische Knutschperformance“ zur lustvollen Eröffnung der „Kuss“-Ausstellung im Bröhan-Museum wird es uns hoffentlich zeigen. Zehn Paare, einige tragen Kostüme, und ein Baby busserln sich dann in den verschiedenen thematischen Ausstellungsräumen ab. Über 200 Menschen wollten teilnehmen, auch Singles hatten sich beworben. Entwickelt hat dieses witzige „Friedens“-Projekt das Künstlerpaar Römer + Römer. Neu ist die Idee nicht, schon 2003 zeigten sie die Performance im Bunker am Alex, später noch einmal in Baden-Baden. „Die Besucher sollen das Museum einmal anders erleben“, erzählt Nina Römer.

Legendär ist Auguste Rodins Bronze „Le Baiser“

Das ist gelungen. Das „Kuss“-Panorama im Bröhan-Museum kommt als Motivgeschichte erfrischend jung und abwechslungsreich daher. So lässt sich Kunstgeschichte wunderbar sinnlich erleben. Vom ersten Kunst-Knutscher 1880 reicht die Ausstellung bis in die Gegenwart, 120 Werke von 68 Künstlern sind vertreten. Von einem Knutscher gelangt man zum nächsten. Der erste und berühmteste Küsser ist Auguste Rodin mit seiner Marmorskulptur „Le Baiser“. Kaum zu glauben, dass diese Arbeit anfangs nur hinter einem Vorhang gezeigt wurde. Zutritt hatten nur männliche Erwachsene. Wir sehen hier eine frühe Bronze von 1904.

Nicht weit davon steht Axel Poulsens lebensgroße „Erste Liebe“ von 1913. Ein junges Mamor-Glück im Rausch der Gefühle. Nicht zu übersehen ist, dass der Künstler sich während seines Rom-Aufenthaltes von antiken Skulpturen inspirieren ließ. Dass der Kuss längst im Interieur-Design und der Pop-Kultur angekommen ist, zeigt das blutrote Sofa von 1970 in Lippenform, das keck mitten im Ausstellungsraum steht.

Der Kuss wird häufig auch zum Ausdruck befremdlicher Formen der Annäherung. Wenn der Hund seinem „Herrchen“ so nahe rückt, dass eine Grenze erreicht ist. So eine Spielart zeigt Florian Meisenberg in seinem 46-minütigen Video. Da darf der Sex nicht fehlen: Georg Grosz’ obszöner Rückenakt ist nicht jugendfrei und befindet sich in einer Art Kabinett.

Der Kuss ist so alt wie die Menschheit selbst. Ob in Musik, Film, Literatur, Kunst oder Schauspiel – überall taucht er auf. Auch wenn wir zuerst an eine zärtliche Geste denken, das Berühren der Lippen ist bis heute ein symbolischer Code, ritualisiert und durchaus widersprüchlich. In Indien sind Küsse immer noch vielerorten verboten. Auch Küsse zwischen zwei Männern stehen in einigen Ländern unter Todesstrafe.

Ein gutes Beispiel gibt die Fotografie zweier küssender Soldaten in Uniform der Blue Noses. Für Russlands Funktionäre war das Motiv des Künstler-Duos 2007 nicht staatskonform. Dem Werk wurde die Ausreisegenehmigung entzogen. Dabei wurde in Russland nicht immer das Küssen unter Männern abgelehnt. Im Gegenteil: Der Bruderkuss galt zu Mauerzeiten als mächtiges und zentrales Zeichen des Sozialismus. Der verrutschte Mundkuss zwischen Honecker und Breschnew ist legendär, verrutscht deshalb, weil zuviel Wodka im Spiel gewesen sein soll.

Über das Phänomen der Lippenbegegnung haben sich etliche Wissenschaftler den Kopf zerbrochen. Es gibt Kussforscher, Philematologen, die herausbekommen haben, dass ein Mensch mit 70 Jahren im Schnitt 76 Tage damit verbracht habe. Woher das Küssen kommt, ist kurioserweise bis heute unter Forschern umstritten. Die einen sagen, es sei eine rudimentäre Bewegung, die sich aus der Brutpflege entwickelt hat.

Andere meinen, dass unsere Vorfahren sich bei Begegnungen gegenseitig am Hinterteil beschnüffelt haben. Als aus den Vierbeinern aufrechtgehende Zweibeiner wurden, „wanderte“ der Kuss gewissermaßen mit nach oben.

So weit, so gut. Kommen wir zum Todeskuss, der sich in der Kunst aus dem Geschlechterkampf entwickelte. Edvard Munch malte „Vampyr“, eine rotmähnige Frau, die dem Mann in den Nacken küsst und ihn mit Armen und Haar umfängt. Das „Weib“ wird dämonisiert, ein eiskaltes Wesen, das den Mann regelrecht verschlingt. Rainer Maria Rilke schrieb ein Gedicht dazu:

Küsse mich lange, minutenlang,

küsse die Wangen mir rot.

Jetzt bin ich doch schon vor

Liebe krank - küß mich zu Tod ...

Bröhan-Museum, Schloßstr. 1a, Di-So 10 bis 18 Uhr bis 3. Oktober. Eröffnung mit Knutschperformance: 14. Juni, 19 Uhr. Kostenlose Führung, sonntags, 15 Uhr

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