Klassik

„Bach gehört in die Philharmonie“

Olga Kholodnaya und Marino Colina haben zuerst am Alex musiziert. Jetzt hat es das Duo in die Philharmonie geschafft. Ein Treffen

Sie spielt Geige, er das Schlagzeug: Olga Kholodnaya und ihr Mann Marino Colina sind das Duo „Olga Show“

Sie spielt Geige, er das Schlagzeug: Olga Kholodnaya und ihr Mann Marino Colina sind das Duo „Olga Show“

Foto: Reto Klar

Das Musikerehepaar „Olga Show“ hat eine bemerkenswerte Ausstrahlung. Es ist allein schon daran zu erkennen, wie sie durch die Fußgängerpassage zum verabredeten Treffpunkt kommen. Während andere sich möglichst unauffällig an den Rändern entlangbewegen, ziehen die beiden in Straßenmitte die Blicke der Vorbeieilenden auf sich. Geigerin Olga Kholodnaya (29) und Schlagzeuger Marino Colina (35) haben sich dieses Selbstverständnis über Jahre hinweg als Straßenmusiker antrainiert. Inzwischen bereiten sie sich auf ihr erstes Konzert im Kammermusiksaal vor, das am 9. Juni stattfinden soll.

„Unsere Weltpremiere von Bachs Doppelkonzert können wir nicht auf der Straße spielen“, sagt die Geigerin: „Was wir dort bislang gespielt haben, hat dort auch richtig gepasst und war schon cool, aber Bach gehört jetzt einfach in die Philharmonie.“ Die beiden hoffen ein neues Leben in Konzertsälen, sie planen bereits fürs kommende Jahr eine Tournee mit Mendelssohn quer durch Deutschland.

Der Alex ist die Philharmonie für Straßenmusiker

Über die Berliner Prinzessin der Straßenmusik hat die Berliner Morgenpost bereits vor sechs Jahren berichtet. Damals spielte sie am S-Bahnhof Friedrichstraße Mozarts „Kleine Nachtmusik“. Sie war der Publikumsliebling und hat beiläufig Geld damit verdient. Olga Kholodnaya hat zeitig gelernt, die Passanten auf der Straße für sich zu gewinnen. Bei dieser Art Performance gilt es, immer zu lächeln und höflich zu sein. Vor allem müsse man Leidenschaft für die gespielte Musik rüberbringen.

Seit sie 14 ist, macht die gebürtige Russin Straßenmusik. Dabei kommt die in Moskau aufgewachsene Musikerin eigentlich aus einem total unmusikalischen Haushalt, wie sie sagt, ihre Eltern sind Software-Ingenieure. Die wurden beruflich nach Hamburg verpflichtet, anschließend zog die Familie nach München. „Mir war mit fünf Jahren schon klar, dass ich Geige spielen möchte“, erzählt sie: „Ich habe meine Eltern dazu überredet.“

In München studierte Olga Kholodnaya neben der Schule als Jungstudentin. „Mit 12 kam ich aufs Konservatorium und war die Jüngste unter den Studenten. Die anderen waren deutlich älter. So kam es auch, dass ich anfing, auf der Straße zu spielen“, erinnert sich die Geigerin: „Viele Studenten haben nebenbei auf der Straße gespielt. Ich dachte erst, das geht gar nicht, damit kann man kein Geld verdienen. Dann habe ich es ausprobiert und war überrascht, dass ich die Leute so begeistern konnte.“ Am Anfang waren es zwei ältere Musikerinnen, die sie in ihr Trio einluden und mit auf die Straße nahmen.

„In München kann man eine Genehmigung für einen Tag kaufen, und da stehen dann alle Regeln drin. Es gibt bestimmte Plätze, an denen man spielen kann“, sagt sie. „In Berlin ist es nicht so gut organisiert wie in Paris oder Mailand.“ Dafür sei die Stimmung in Berlin offener. Und über den besten Platz ist sich das Duo ganz schnell einig. „Der Platz am Alexanderplatz unter der Brücke ist die Philharmonie für Straßenmusiker. Die Akustik ist einmalig und die Atmosphäre ebenfalls.“

Vor sechs Jahren hat Olga Kholodnaya ihren Duopartner kennengelernt. „Ich habe am Alexanderplatz gespielt und einen richtigen Schlagzeuger gesucht. Dann kam Marino und gab mir seine Visitenkarte.“ Sie rief ihn an, als er gerade im Studio probte. Aber das Angebot zur Straßenmusik hat den gebürtigen Argentinier zunächst ein wenig irritiert. Schließlich haben sie es miteinander ausprobiert. Sie hat ihm gleich mit auf den Weg gegeben, wenn jemand etwas will oder etwas Dummes tut, dann denjenigen gleich zu ihr schicken. Zur Chefin, wie der Schlagzeuger lächelnd sagt. Und sie fügt hinzu, man darf sich auf der Straße nicht in Diskussionen einlassen, sondern muss Musik spielen. Das hat absoluten Vorrang.

Das Duo spielt alles, was Energie verströmt

Die beiden könnten viel über die Laufkundschaft erzählen. Sie tun es aber eigentlich nur ungern. „Junge Leute, ältere Leute, es gibt viele, die ganz lange stehen bleiben und zuhören“, sagt die Geigerin knapp. Es gäbe sogar welche, die immer wieder kämen. „Auch die Junkies lieben Musik und haben glückliche Momente, wenn sie uns zuhören“, sagt der Schlagzeuger. Er erinnert sich allerdings auch an eine Situation in seiner Heimatstadt Buenos Aires, wo sie von Schwarzhändlern körperlich bedroht wurden, weil die sie nicht in ihrer Nähe haben wollten. Das Duo ist sich einig darüber, dass man bei der Straßenmusik nicht zuerst mit Geld oder den Straßengeräusche befasse. „Es ist wie im Konzertsaal. Man denkt nur an seine Musik“, sagt Marino Colina: „Das Geld kommt wie vom Himmel.“

Die beiden spielen Musik voller Lebenslust. Sie lässt sich am ehesten als Cross-over bezeichnen. „Ich bin keine Jazzgeigerin und auch keine Popgeigerin. Ich habe viele Dinge, die mich interessieren“, sagt sie: „Ich habe die ganze Zeit gespielt und bin meinen Weg gegangen. Ich habe das Geigenspiel in mir.“

„Wir wollen so etwas wie eine neue Richtung begründen.“

Wer sich die YouTube-Videos von Olga Show anschaut, erkennt schnell, dass die beiden alles spielen, was Energie verströmt. „Wir machen akademische Musik“, betont Marino Colina: „Wir wollen so etwas wie eine neue Richtung begründen.“ Und Olga Kholodnaya erklärt: „Violine und Schlagzeug, das ist die neue Richtung. Es trifft den Nerv der heutigen Zeit. Denn in Jazz, Rock oder Klassik wiederholt sich alles. Die Geige ist immer geblieben, das Schlagzeug auch. Die Kombination ist eine vielversprechende Entwicklung.“

Darüber hinaus ist auf YouTube zu sehen, wie weit sie in der Welt herumgekommen sind. Aber die wilden Reisejahre sind offenbar vorbei. Das Ehepaar hat inzwischen zwei kleine Söhne, sie leben in Tegel. Über den Begriff vom bürgerlichen Künstlerleben müssen sie dennoch schmunzeln. „Ich will die beste Welt für meine Kinder“, sagt er: „Eine Welt mit Straßenmusik ist besser als eine Welt ohne Straßenmusik. Und es sollte immer gute Straßenmusik mit guten Musikern sein.“ Und die Geigerin steuert noch einen Tipp bei. „Ich würde jedem jungen Musiker raten, von Anfang an parallel zur Straßenmusik auch Konzerte zu organisieren. Es geht auch darum, immer neue Musik zu studieren.“ Damit hat die Chefin den Weg in den Konzertsaal gewiesen.

Philharmonie/Kammermusiksaal
Herbert-von-Karajan-Platz 1, Tiergarten.
Tel. 0180-65700. Konzert: 9. Juni, 20 Uhr

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