Konzert in Berlin

Udo Lindenberg macht sein Ding in der Berliner Waldbühne

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Peter E. Müller
Macht sein Ding: Udo Lindenberg am Freitagabend in der Waldbühne

Macht sein Ding: Udo Lindenberg am Freitagabend in der Waldbühne

Foto: POP-EYE/Ben Kriemann

Das Panik-Orchester donnert Rock'n'Roll durchs Amphitheater. Udo Lindenberg liefert am Freitagabend jede Menge Show und Tingeltangel.

Er kostet ihn aus, diesen Erfolg der späten Jahre. Diesen zweiten Frühling für einen der größten deutschen Rocksänger. Man spürt, wie er das Rampenlicht genießt, die Nähe zu seinen Musikern, die Nähe zu seinem Publikum. Schon klar: wenn es nach Udo Lindenberg geht, dann steht er noch mit 100 Jahren auf der Bühne. Als der 71-Jährige gewohnt schlaksig-schnodderig mit Hut, Sonnenbrille und wie immer hautengen Hosen am Freitagabend mit „Odyssee“ das erste von zwei ausverkauften Waldbühnen-Konzerten eröffnet, tänzelt ein im Verlauf der vergangenen Dekade wieder erstarkter Lindenberg souverän übers Areal und macht unmissverständlich klar, was eine richtige „Honky Tonky Show“ ist.

Als der Rock’n’Roll-Dampfer unter Sturm, Blitz und Donnergetöse im Amphitheater vor Anker geht, macht das großformatige Panik-Orchester gleich ordentlich Druck. Solch einen lautstark rauen Sound hat die Waldbühne schon länger nicht mehr erlebt. Gleich beim zweiten Stück des Abends stellt Lindenberg klar: „Einer muss den Job ja machen“. Und wer, wenn nicht er. Er macht sein Ding, und seine Fans, die alten wie die neuen, lieben ihn dafür.

„Danke für eure Liebe und eure Verbundenheit“, begrüßt der Panik-Präsident die 22.000 Besucher. 33 Jahre sei es her, seit er mit dem Panik-Orchester zuletzt in der Waldbühne aufgetreten sei. „Geil wieder hier zu sein“, schickt er hinterher und beglückt mit einer Version von „Cello“, jener bittersüßen Ballade vom Album „Ball Pompös“, die auch nach 44 Jahren kein bisschen Patina angesetzt hat. Sie spielen es etwas schneller, etwas peppiger, während im Hintergrund drei Cellistinnen in den Bühnenhimmel fahren.

Richtig weg war Lindenberg schließlich nie

Mit seinem Album „Stark wie zwei“ feierte Udo Lindenberg vor gut zehn Jahren ein phänomenales Comeback. Es war sein Alterswerk, mit frischem Wind und jungem Team eingespielt, das jahrzehntelange Erfahrung mit lebensweiser Nüchternheit zum Leuchten brachte. Nein, eigentlich war es kein Comeback, denn richtig weg war Lindenberg schließlich nie, machte aber lange Zeit wenn überhaupt mehr durch seine Likörellen-Malerei als durch seine Musik von sich reden. Doch das hat sich auf phänomenale Weise geändert.

„Stark wie Zwei“, sein 41. Album, landete als erstes Lindenberg-Album überhaupt auf Platz 1 der deutschen Charts. Lindenberg erweiterte seine Panik-Familie um die Cluesos und Oerdings und konnte eine mittlerweile dritte Generation von Rockfans für sich einnehmen. Er hat sein Panik-Orchester eingeschworen, samt Bassist Steffi Stephan und Schlagzeuger Bertram Engel aus den ganz frühen Jahren. Er ging wieder auf große Tourneen vor ausverkauften Häusern, eroberte sogar die großen deutschen Stadien mit seiner neuen, aufwendigen Show. Auch sein im vergangenen Jahr erschienenes Album „Stärker als die Zeit“ wurde erneut ein Nummer-1-Hit.

Diese Waldbühnen-Show ist sozusagen die Kompaktausgabe der Stadion-Tournee, die auch schon im Olympiastadion über die Bühne gegangen war. Der Meister kann anfangs zwar nicht mit seinem Fluggerät landen, da macht das fest installierte Zeltdach über der Bühne nicht mit. Und doch gibt es jede Menge musikalische Höhenflüge und Tingeltangel, laszive Tänzerinnen und artistische Einlagen, eine gewaltige LED-Wand, auf der sich Einspielungen mit Livebildern mischen, einen Laufsteg mitten ins Publikum und immer wieder Bühnengäste, wie den rapversierten Hamburger Soulsänger Ole Feddersen oder Musicalstar Josephin Busch, mit der Lindenberg „Gegen die Strömung“ singt.

Mit gerecktem Mittelfinger vor Bildern von Trump, Erdogan, Putin

Es ist ein kunterbuntes, lässig choreografiertes Tohuwabohu, bei dem immer mehr Sängerinnen, Tänzerinnen und Musikanten bei Klassikern wie „Rock’n’Roller“ oder „Straßenfieber“ oder „Sie brauchen keinen Führer“ über die Bühne toben. Letzteres singt Lindenberg mit gerecktem Mittelfinger, während auf der Bildwand die Herrschaften Trump, Erdogan, Putin und Co. auftauchen, alle ausstaffiert mit albernen Partyhüten. Dann findet Udo Lindenberg aber vermehrt leise Töne. Immer wieder geben Balladen Zeit zum Luftholen.

„Wie lange muss ich diesen Song noch singen?“ fragt er vor „Wozu sind Kriege da?“ Als das Lied 1983 erschien, sang ein kleiner Junge namens Pascal Kravetz mit Lindenberg im Duett. Heute ist er 46 Jahre alt und wie sein Vater Jean-Jacques Keyboarder des Panik-Orchester. Er singt die ersten Zeilen, bevor Lindenberg und der Düsseldorfer Kinderchor „Kids On Stage“ einsteigen. Altes wie „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“ gibt es und Neues wie „Das Leben“ oder „Sternenreise“.

Plötzlich erscheint Otto Waalkes winkend auf der Bühne

Als Lindenberg die ersten Töne von „Gerhard Gösebrecht“ anstimmt, erscheint plötzlich Otto Waalkes winkend auf die Bühne. Und hat sein großes Solo mit „Highway To Hell“ von AC/DC, das hier freilich „Auf dem Heimweg wird’s hell“ heißt. Irgendwann taucht auch Tatort-Kommissar Axel Prahl in dem kreativen Gewusel auf. Das Chaos hat Methode, die „Bunte Republik Deutschland“ bittet zum Tanz. An die 30 Songs packen Lindenberg und seine Rock-’n‘-Roll-Crew in diesen Abend und halten die eingeschworene Panik-Familie gut zweieinhalb Stunden bei Laune. Er muss nicht ein einziges Mal zum Mitsingen auffordern, das Publikum macht das von ganz allein.

Im überlangen Zugabenblock werden neben „Bis ans Ende der Welt“ und „Ich schwöre“ nochmal Klassiker aufgefahren, von „Johnny Controlletti“ und „Alles klar auf der Andrea Doria“ über den „Sonderzug nach Pankow“ bis zu „Candy Jane“ und „Reeperbahn“. Auch wenn er in „Eldorado“ singt: „Jede Show kann die letzte sein“ denkt der Mann, der so tief in die Herzen seiner Fans blicken kann, nicht ans Aufhören. „Unsere Füße müssen weiter, unsere Herzen bleiben hier“ ruft der hemmungslose Rock-Romantiker, bevor er sich „bis zum nächsten Mal“ im übergroßen Raumfahreranzug verabschiedet. Der Jubel ist dankbar und lang anhaltend. Die Familie hält zusammen. Als der letzte Ton verklungen ist, ist die Berliner Nacht merklich kühler geworden.