Kultur

Eine jugendliche Suche nach dem richtigen Leben

„Auerhaus“ nach Bov Bjerg in den Kammerspielen

Die Geste ist eindeutig. Höppner (Marcel Kohler) wedelt mit dem kleinen, gelben Reclam-Heft – Goethes Werther ist es – und man ahnt: Einsamkeit, Sturm und Drang und Verzweiflung stehen an diesem Abend auf dem Programm. Es kommt anders. Zwar ist da eine Traurigkeit, die der Werther’schen Konkurrenz macht. Aber da ist auch Freundschaft, die sich so unbedingt wohl nur in der Jugend anfühlt, und Hoffnung. Und, klar, da ist Liebe. Das alles wird am Ende nichts nützen, zumindest Frieder (Christoph Franken), der einfach nicht mehr leben möchte und es irgendwann auch schafft. Doch nach 150 Minuten „Auerhaus“, der Bühnenadaption von Bov Bjergs Bestseller, ist am Ende doch etwas anders. Für Höppner, der in seinem Freund Frieder neuen Lebensmut säen will, und für die Zuschauer. Denn die sind Teil der Inszenierung, die am Sonntag Premiere in den Kammerspielen des Deutschen Theaters hatte.

Für Höppner ist die Sache klar: Sein Kumpel Frieder, der sich umzubringen versucht hat, darf nicht in der Psychia-trie enden. Stattdessen will Höppner mit ihm zusammenziehen, in dieses Haus mitten im Dorf, das mal Frieders Großeltern gehörte und jetzt niemandem mehr. In Jessica Rockstrohs Bühne entsteht das Auerhaus ganz in den Köpfen der Zuschauer. Bloß eine Sandkuhle erinnert an diesen Palast der jugendlichen Utopie, den sich Höppner und Frieder erbauen wie Kinder eine Sandburg. Schnell wird ihre WG zur Kommune. Nach Cäcilia (Lisa Hrdina) und der polyamorösen Vera (Maike Knirsch) kommen die Brandstifterin Pauline (Elena Schmidt) und der homosexuelle Harry (Božidar Kocevski) hinzu. Die sechs, „wie eine kleine Packung Eier“, wollen sich abstoßen von der schauderhaften Welt der Erwachsenen, die in diesem Stück alle steinerne Masken tragen, und deren austauschbarem Leben. Nein, „Birth, School, bummbumm, work, death“, wie Kohler zusammenfasst, wollen sie nicht. Also erleben sie das beste Jahr ihres Lebens, in dem Lebensmittel so solidarisch geteilt werden wie die Liebe. Klar, dass das schiefgeht.

Einen Roman auf die Bühne zu heben, ist nie einfach. Deshalb setzt Nora Schlocker auf das, was das Theater besser kann als jeder Roman: den Zuschauer auf die Bühne holen. Wird im Auerhaus Silvester gefeiert, tanzt man also vorn mit. Und als die Party eskaliert, wird man gebeten, bitte wieder nach Hause zu gehen, also auf die Sitzplätze. Dass Schlockers Adaption das gelingt, obwohl gelegentlich zu gemütlich erzählt, das liegt vor allem an Marcel Kohler und Christoph Franken und der Unbedingtheit, mit der sie um dieses freie Leben ringen.

Deutsches Theater/Kammerspiele, Schumannstr. 13a, Mitte. Termine: 1., 7. und 10.6., jeweils um 20 Uhr