Kultur

Wider das Schubladendenken

Respektlos, archaisch und erfrischend albern: Pigor & Eichhorn mit ihrem neuem Programm „Volumen 9“ in der Bar jeder Vernunft

In der postfaktischen, digitalen Welt muss man sich anpassen, um nicht unterzugehen. Das gilt auch für Pigor & Eichhorn, Berlins preisgekröntes Musikkabarett-Duo. Launig gesungen und einschmeichelnd pianistisch umflort, diktieren sie daher vor dem Start ihres neuen Programms ihre eigenen Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Eine Mitspielverpflichtung etwa oder eine Flügelrettung im Falle einer Havarie. Bevor es losgeht, muss das Publikum zustimmen. Dazu werden Cookies verteilt. Die Keksdosen indes bleiben gleich in den ersten Reihen stecken.

Respektlos, anarchisch, subversiv und zuweilen auch einfach nur herzerfrischend albern ging es bei der Premiere von „Volumen 9“ in der Bar jeder Vernunft zu. Wie gewohnt bei Pigor & Eichhorn, möchte man meinen. Und doch hat sich manches geändert. Seit über dreißig Jahren mischen die beiden schon in der Kleinkunstszene mit. 1995 starteten sie als Duo durch. Damals hieß es noch „Pigor singt, Benedikt Eichhorn muss begleiten“. Die Tage vom diktatorischen Sängergott und seinem Tastensklaven sind jedoch vorbei.

Heute vermittelt Eichhorn zwischen Publikum und Sänger, wenn der seinen eruptiven Zorn in Songs herausschleudert, gegen „Prime Time Promis“ wettert oder fordert „Baut den Palast der Republik wieder auf“. Eichhorn ist jetzt auch zuständig für die Werbung zwischen den Songs. Eine Neuerung zwecks Mischfinanzierung im Kabarett, denn angeblich reicht das Eintrittsgeld allein nicht mehr. Geworben wird allerdings meist ganz ohne kommerziellen Hintersinn für befreundete Kollegen.

Viele der Songs von „Volumen 9“ wurden ursprünglich für Pigors Radiokolumne „Chanson des Monats“ komponiert. Gesungene Betrachtungen zu politisch-zeitgeistigen Themen. Die besten gibt es nun live auf der Bühne. Etwa den „Burka Boogie Woogie“, eine hochintelligente Anleitung, wie man Auswüchsen von Religionen begegnen sollte.

Neu sind Lieder wie „Nationale Zugehörigkeit“, eine bitterböse Abrechnung mit neuen Patrioten, oder „Bärte zählen in Mitte“, eine schneidende Re­plik auf nervtötende Trends.

Auch diesmal begeistert das Duo mit scharfsinnigen Bandwurmsätzen und einem wilden Stilmix. Dabei hatte sich Eichhorn eigentlich eine Anleitung für Hits gekauft. Aber damit klappt es wieder nicht. Schubladendenken haben die Erfinder des Salon-Hip-Hops ohnehin nie bedient. Weder musikalisch, noch inhaltlich. Pigor & Eichhorn sind zwar optisch in die Jahre gekommen, wie Hosenträger über gewölbten Bäuchen zeigen, doch ihren Biss haben die Grumpy Old Men des deutschen Chansons noch längst nicht verloren.

Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24,
Wilmersdorf, Tel. 883 15 82.
Di.–Sbd. 20 Uhr, So. 19 Uhr. Bis 4.6.