Kultur

In der Endlosschleife des Lebens

Sebastian Nübling inszeniert „Get deutsch or die tryin‘“ im Gorki Theater über eine deutsch-türkische Familie in den Wirren der Migration

Zunächst ist da nur dieser Beat: schnell, laut, drängend. Das Schlagzeug steht mitten auf der Bühne. Mehrfach kommt eine Frau mit wackeligem Gang herein, die Beine knicken ihr weg. Sie schafft es gerade noch zum Kühlschrank, wo der Wodka steht. Ein Typ nimmt mehrmals Anlauf und springt hoch zur Discokugel. Ganz hinten sitzt einer im lilafarbenen Anzug, Arda heißt er, der das alles ungerührt zur Kenntnis nimmt. Es ist die Endlosschleife seines Lebens, die er da sieht und hört. Die besoffene Mutter, die Kumpel, mit denen er Stunden auf der Bank neben dem Bahnhof totschlägt, über Frauen quatscht, Drogen vertickt. Ein Loser-Leben eben.

Geschrieben hat die Geschichte von Arda und seiner Familie der erst 28-jährige Autor Necati Öziri. Regisseur Sebastian Nübling hat ihn jetzt am Maxim Gorki Theater erstmals inszeniert. Entstanden ist das Stück im Rahmen der Literaturwerkstatt namens „Flucht, die mich bedingt“, an der auch das Gorki beteiligt war. „Get deutsch or die tryin‘“ ist ein erstaunlicher Text, clever komponiert, mit einem starken, eigenen Rhythmus. In Sebastian Nübling hat er genau den richtigen Regisseur gefunden. Dass der ein gutes Händchen hat, den speziellen Tonfall solcher zeitgenössischen Texte freizulegen, hat er zuletzt in der Inszenierung von Sibylle Bergs „Und dann kam Mirna“ bewiesen, wofür er im letzten Jahr mit dem Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost ausgezeichnet wurde.

Statt Mirna nun also Arda. Der ist gerade 18 geworden, den Geburtstag verbringt er im Ausländeramt mit seinem Sachbearbeiter Herrn Kozminski. Am Ende bekommt er doch noch die ersehnte Einbürgerungsurkunde. Ansonsten hängt er mit den Jungs ab. Keiner ahnt, dass es ihre letzte gemeinsame Zeit ist. Einer wird abgeschoben, ein anderer früh Vater. All das würde Arda gerne seinem eigenen Vater erzählen, an ihn ist der gesamte Abend adressiert. Arda stellt sich vor, wie er bei ihm, den er nie kennengelernt hat, eines Tages auf der Beerdigung auftaucht und sein ganzes perspektivloses Leben dorthin mitnimmt.

Dimitrij Schaad spielt diesen Arda ungemein anrührend und trägt den Abend souverän. Der lodert und glüht, ist bitter enttäuscht, sarkastisch und dann wieder ganz liebesvoll. Vor allem im zweiten Teil, denn der Text, der im Titel auf das Album „Get rich or die tryin‘“ des US-Rappers 50 Cent anspielt, hat, wie ein Album, eine B-Seite, die Sebastian Nübling nun als revuehafte Liebesreportage in Szene setzt. Arda greift ab und an kommentierend ein. Es ist die Begegnung von Ardas Eltern. Von Murat (Taner Şahintürk), dem Revolutionär, der aus der Türkei vor der Haft flieht und Ümran (Pinar Erincin), der bildschönen Türkin, der er in einer bundesdeutschen Bar ihren ersten Wodka-Lemon spendiert. Doch Almanya meint es nicht gut mit ihnen, Scheiß-Jobs, wenig Geld, Murat haut ab, zurück in die Türkei, noch vor der Geburt seines Sohnes. Die Mutter bleibt allein zurück.

Die, die wir hier sehen, sind allesamt die Verlierer der Migrationsgeschichte. Dieser stimmige Abend verschafft ihnen in einer gelungenen Kombination aus guter Textvorlage, sensibler Regie und einem herausragenden Hauptdarsteller Gehör.

Vorstellungen Wieder am 28. Mai
und am 4. Juni jeweils um 19.30 Uhr.
Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2. Kartentelefon: 20 221 115