Konzert

Gute Stimmung bei Bryan Ferry im Tempodrom

Pop-Gentleman Bryan Ferry begeistert in Berlin die Fans mit seinen Hits - trotz misslungener Lightshow.

Bryan Ferry (Archivbild)

Bryan Ferry (Archivbild)

Foto: Hans Klaus Techt / dpa

„Andere Bands wollten Hotelzimmer verwüsten. Roxy Music wollten sie neu einrichten", lautet ein berühmtes Zitat von Bryan Ferry. Obwohl er selbst in einfachen Verhältnissen aufwuchs - der Vater schuftete in einem Bergwerk - verkörperte er als Sänger von Roxy Music und als Solointerpret stets das Image des luxusliebenden, kultivierten "Sultan of Suave", wie ihn die englische Presse bereits Anfang der 70er-Jahre taufte.

Auch mit 71 Jahren hat sich daran nichts geändert. Bryan Ferry steht für ausgesuchten Geschmack. Bei seinem Berlin-Gastspiel trägt er weißes Hemd und schwarzes Jackett. Einzige Bühnendekoration ist ein in barocken Falten drapierter Vorhang. Weniger subtil ist dagegen die Lichtshow, die das gut gefüllte Tempodrom entweder mit Jahrmarktsfarben zuorgelt oder die Bühne in eine monochrome Farbsuppe taucht. Stellenweise erkennt man im verstrahlten Gegenlicht kaum noch, ob Ferry dem Publikum den Rücken zugekehrt hat und ob er überhaupt noch da ist.

Ebenso bunt, aber weniger penetrant ist das Programm, von Anfang an stehen frühe Roxy-Music-Stücke wie "Ladytron" gleichwertig neben 80er-Jahre-Hymnen wie "Slave To Love". Mal hüftschwingend am Mikrophon, mal hinter dem Keyboard schunkelnd, hakt Ferry alle bedeutenden Songs seiner 45-jährigen Karriere ab. Dass dabei nicht der Eindruck pflichtschuldiger Routine aufkommt, liegt vor allem an seiner neunköpfigen Liveband. Besonders herausragend ist die australische Multiinstrumentalistin Jorja Chalmers, die immer wieder ins Rampenlicht treten darf und für ihre Einlagen an Saxophon und Oboe Szenenapplaus erntet.

Ferry, der besonders in den 80er-Jahren als egomanischer Perfektionist verschrien war und das Touren wie die Pest hasste, hat offenbar gelernt, die Verantwortung abzugeben. Bassist Jimmy Sims, Gitarrist Jacob Quistgaard, Violinistin Lucy Wilkins und Langzeitkollege Chris Spedding, sie alle dürfen ellenlange Soli spielen, während Ferry hinter der Bühne eine Pause einlegt. Zu den ersten Takten von "Take A Chance With Me" vom Synthpop-Meilenstein "Avalon" schlendert er zurück zu seinen Mitmusikern, das schwarze Jackett hat er gegen ein farbenfroheres Sakko eingetauscht.

Mit der Musik ihrer letzten zwei Alben prägten Roxy Music die Yuppie-Ästhetik der Achtziger, wohl temperierter Salonpop, um sich in den Hüften zu wiegen, aber immer nur so sehr, dass das Glas erlesenen Weins in der Hand nicht überschwappt. Im direkten Vergleich wirken die Avantgarde-Rock-Ausbrüche der frühen Siebziger wie hysterische Übersprungshandlungen. Kaum zu glauben, dass sie aus derselben Feder stammen.

Der dämonische Discoausflug "Love Is The Drug" versöhnt schließlich Fans aller Karrierephasen. Es wird sogar getanzt. Von der guten Stimmung angesteckt wagt Ferry beim Klassiker "Virginia Plain" einen kleinen Sprint von links nach rechts über die Bühne. Immer wenn man glaubt, jetzt kann eigentlich nichts mehr kommen, zaubert die Band noch einen weiteren Hit aus dem Hut. Die Coverversionen von Wilbert Harrisons "Let's Stick Together" und John Lennons "Jealous Guy" werden stürmisch bejubelt, während eine Discokugel von der Decke fährt, um das Publikum ein letztes Mal ordentlich zu blenden. Nach dem abschließenden "Editions Of You" verteilt Bryan Ferry Handküsse. So selig lächelnd hat man den stets Contenance wahrenden Pop-Gentleman selten gesehen.