Oper in Berlin

Sir Simon Rattle: "Ich fühle mich europäischer denn je"

Simon Rattle über Faust und das typisch deutsche, über Monty Python und seine Opernliebe. Ein Gespräch vor der Staatsopern-Premiere.

Sir Simon Rattle im Foyer des Schiller-Theaters

Sir Simon Rattle im Foyer des Schiller-Theaters

Foto: Reto Klar

Philharmonikerchef Sir Simon Rattle ist regelmäßig in Sachen Oper unterwegs. In der Staatsoper im Schiller-Theater dirigiert er am Sonnabend die Premiere von Hector Berlioz' "La damnation de Faust". Mit Terry Gilliams Inszenierung, die 2011 für die English National Opera entstand, kommt die erste Opernregie des Monty-Python-Mitbegründers in die Staatsoper. Ein Gespräch mit Simon Rattle bei den Proben.

Goethes "Faust" beschreibt etwas archetypisch Deutsches: Faust will die Welt erkennen und geht dafür auf einen Pakt mit dem Teufel ein. Was ist für Sie typisch deutsch?

Simon Rattle: Als ich anfing, Deutsch zu lernen, habe ich so viel wie möglich "Faust" im Original und mit Simultanübersetzung zu lesen. Wenn diese Art von Philosophie, Scharfsinn und Direktheit typisch deutsch ist, dann wäre es nichts Schlechtes. Ich finde den "Faust" immer noch sehr modern, gerade den zweiten Teil. Es ist eine bemerkenswerte Literatur. Ich konnte sofort verstehen, warum sich ein Komponist wie Berlioz mit seiner ganzen Genauigkeit so zu Goethe hingezogen fühlte.

Die Inszenierung stammt von Terry Gilliam, einem Schauspieler, Filmregisseur und Mitbegründer der Monty Pythons. Sind Sie Monty-Python-Fan?

Natürlich. Es war Teil meiner Kindheit. Das außergewöhnliche wöchentliche Chaos im Fernsehen, wo nichts logisch sein musste, war etwas, worauf sich meine ganze Familie freute. Sogar meine Eltern, nachdem sie den ersten Schock überwunden hatten. Aber Terry Gilliam ist nicht nur Monty Python, sondern ein Filmemacher. Was sich in einer Opernproduktion wie dieser wiedergespielt. Ich habe einen Lieblingsfilm von ihm: "Lost in La Mancha". Die Dokumentation zeigt seinen Versuch, einen Film über Don Quijote zu drehen. Jede Katastrophe, die man sich vorstellen kann, kam über diese Produktion. Das passierte immer, wenn jemand Don Quichote machen wollte. Das ist ähnlich wie bei Macbeth. In englischen Theatern darf man den Namen nicht aussprechen, weil das angeblich Unglück bringt. In dem Film sieht man auch, wie Terry Gilliam die Katastrophen mit Verblüffung, Geduld und Humor nimmt. Er ist ein außergewöhnlicher Mann.

Bei seinen Filmen denke ich zuerst an "12 Monkey" mit Bruce Willis. Auch das ist eine finstere Dystopie.

Es war für mich nur viel zu viel. Aber es sagt etwas Wunderbares über Terry Gilliam, denn er kann viel zu viel sein. Auch Berlioz vereint all diese Dinge, er ist ein Komponist der Extreme. Er kann das große Requiem ebenso wie das kleinste Flüstern, dass die Musik zuvor nie geflüstert hat, komponieren. Was ich nicht erwartet hätte, dass Gilliam die Faust-Geschichte über die deutsche Geschichte erzählt. Vor allem so wenig reißerisch, es ist eine sehr einfallsreiche Art, aber nicht sehr surrealistisch. Die Inszenierung ist sehr akkurat und so musikalisch. Es macht es viel leichter, die Musik zu dirigieren, wenn man sieht, dass ein Regisseur ein Bild hat, dass im Klang lebt. Es ist kein Gegenpol.

Es ist eine bilderstarke Allegorie auf den Verfall des geistigen Deutschlands von der Romantik bis zum Untergang des Dritten Reichs. Was soll der Besucher im Schiller-Theater daraus lernen?

Die Grausamkeit des Faust-Mythos und die Grausamkeit und Absurdität der jüngeren Geschichte bilden in der Produktion eine spannende Verbindung. Das Ende ist natürlich grauenhaft. Aber irgendwie macht es auch Sinn bei dieser merkwürdigen Musik, die Berlioz beschrieben hat für den Himmel, das Jenseits. Terry Gilliam hilft mit seinem Schlussbild der Musik. Es sagt, akzeptiert das, es ist passiert, anstatt es zu verklären.

Sie sind inzwischen andauernd in der Opern anzutreffen. In der Staatsoper dirigieren Sie allein im Juni acht Vorstellungen. Das ist mehr als in der Philharmonie.

Ich habe das Theater immer geliebt, seit ich Kind war. Wahrscheinlich habe mehr Zeit im Sprechtheater verbracht als in der Oper. Mit der Oper habe ich professionell zu tun, seit ich 19 bin. Es ist eine Leidenschaft, die nicht schwindet. Aber wir leben in einer Zeit, in der viele darüber nachdenken, wie theatralisch ein Konzert sein kann. Die Lücke, was ist inszeniert und was nicht, wird immer kleiner. Das finde ich interessant.

Warum haben Sie nie ein Opernhaus übernommen?

Der Zeitpunkt war immer falsch. Als es einmal im Gespräch war, hatte ich keine Erfahrung mit dem italienischen Repertoire, obwohl ich es gern höre. Als ich erstmals Puccini dirigierte, merkte ich, was ich meinen Leben lang verpasst hatte. Aber ich hatte nicht das Gefühl, ernsthaft ein Opernhaus leiten zu können. Man muss das deutsche und italienische Repertoire in der Balance halten können. Als man das erste Mal auf mich zukam, ein Opernhaus zu leiten, hatte ich noch wenig Wagner dirigiert. In einem anderen Leben wäre es vielleicht eine andere Reise geworden.

Bei der Eröffnung des Pierre Boulez Saal waren Sie kürzlich anzutreffen. Wie finden Sie den neuen Berliner Kammermusiksaal?

Chapeau in jeder Hinsicht. Es ist genau das, was die Stadt braucht. Diese Art der Form, die Größe und Möglichkeiten für die Stadt. Es ist eine wunderbare Sache. Ich hoffe, wird können Daniel Barenboim dabei unterstützen, dass der Saal immer voller Musik und Leben ist.

Im September übernehmen Sie neben den Philharmonikern auch das London Symphony Orchestra. Treiben Sie immer noch einen eigenen neuen Konzertsaal in London voran?

Ja. Wir konnten gerade den Architekturwettbewerb ausschreiben. Es ist schwer zu erklären in Deutschland, wo sich die Regierungen um die Kunst und ihre Künstler kümmern. Aber die Tatsache, dass die englische Regierung die angekündigte Geldsumme zurückgezogen hat, hat uns sehr geholfen, weil jetzt keiner mehr das Gefühl hat, da wird Geld verwendet, dass eigentlich für etwas anderes ausgegeben werden müsste. Es gibt immer irgendwelche Dinge, vor allem in einem Land wie Großbritannien mit so vielen wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten. Wenn wir es schaffen, den Konzertsaal zu bauen, werden wir das Geld selbst aufgebracht haben. Die City of London war sehr hilfreich, wir sind das Orchester dieses kleinen Viertels. Es ist wie im Vatikan zu sein. Aber davon abgesehen, müssen wir das Geld selber auftreiben. Wir arbeiten daran. Es ist sicherlich etwas, was London braucht. Wir wissen, was wir hier für einen Schatz mit der Philharmonie haben.

Haben Sie für den Londoner Konzertsaal die Philharmonie als Idealmodell vor Augen?

Vielleicht ist es nicht genau die Philharmonie, aber die demokratische Idee einer Konzerthalle ist mehr in meiner Vision als eine traditionelle Konzerthalle mit hierarischen Rängen. Die Zukunft der Säle liegt darin, dass sich die Besucher gleichrangig fühlen, nah dran sind und in Kommunikation untereinander treten können. Heutzutage ist auch die Akustik mehr Wissenschaft und weniger Alchimie. Um im Bild zu bleiben, wenn wir schon über Faust reden.

Stimmt es, das der neue Konzertsaal Bestandteil Ihrer Vertragsverhandlungen mit London war?

Nein, war es nicht. Das London Symphony Orchestra hatte den Prozess schon angestoßen, lange bevor ich dazu kam. Ich hoffe, dass ich ihnen helfen kann. Im Barbican Centre kann man gerade so das Verdi-Requiem spielen. Alles was größer besetzt ist, wird eine Horrorshow oder man kann es schlichtweg dort nicht spielen. Es war ein großer Konstruktionsfehler, dass die Erbauer vergessen haben, dass im Konzert manchmal ein Chor dabei ist oder eine Orgel gebraucht wird. Die Londoner haben aus dem Saal das Beste gemacht, aber über einen bestimmten Punkt hinaus ist dort keine musikalische Weiterentwicklung möglich.

Sie pendeln demnächst als Chef zwischen Berlin und London. Wie europäisch fühlen Sie sich angesichts der ganzen politischen Situation?

Ich war beim London Symphony am Tag nach dem Brexit-Entscheid. Wir konnten die Probe gar nicht beginnen, ohne vorher darüber zu diskutieren. Es gab Musiker, die geweint haben, weil es doch immer ein europäisches Orchester war. Es bestand immer aus vielen Nationen. Arthur Nikisch war Chef dort und in Berlin. Aber was schon deutlich wird, wir bekommen weniger Bewerbungen für Vorspiele von Musikern aus Europa. Die Leute wissen einfach nicht, wie kompliziert es wird. Niemand wünscht sich, dass etwas Schlechtes aus der Entscheidung resultiert, aber es ist sehr schwer, nicht zu denken, dass es ein Akt der Selbstverletzung ist. Ich fühle mich europäischer denn je.

Insgesamt wirken Sie entspannter, seitdem Sie verkündet haben, die Berliner Philharmoniker zu verlassen?

Ich bin noch viel besser gelaunt, nachdem ich Kirill Petrenko kennen gelernt habe. Wir haben zusammen gesessen, geredet und viel gelacht. Ich bin begeistert. Natürlich ist es merkwürdig, seinen Nachfolger zu treffen. Mal abgesehen von den Philharmonikern hat jedes Orchester einen Nachfolger. Nur hier gibt es den Mythos, dass der Chefdirigent sterben muss. Claudio Abbado scherzte einmal, er habe es versucht. Das Orchester und ich genießen einander gerade, auch wenn klar ist, dass ich keinen Einfluss mehr auf ihre Zukunft habe. Es herrscht ein Gefühl, wir haben etwas geschafft.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.