Kultur

Von Opulenz und Raffinesse ist wenig zu spüren

Die Philharmoniker spielen Strauss und Schostakowitsch

Vor einem guten halben Jahr hatte das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Marek Janowski mit einem aparten Komponisten-Doppel für Verblüffung gesorgt – Richard Strauss und Sergej Rachmaninoff an einem Abend. Zwei Komponisten des 20. Jahrhunderts, wie sie wesensfremder kaum sein können. Etwas weniger verblüffend, dafür aber umso reizvoller ist nun das Repertoire-Experiment, das sich die Berliner Philharmoniker haben einfallen lassen: Sie kombinieren Richard Strauss mit Dmitri Schostakowitsch, beide für sich genommen virtuose Orchestrationskünstler, beide überaus produktiv und mit flinker Feder ausgestattet. Doch damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten dieser zwei Komponisten auch schon. Denn charakterlich und musikalisch liegen Welten zwischen ihnen: Da ist einerseits der auf der Sonnenseite lebende Richard Strauss, gesegnet mit einem derartig großen Ego, dass er sich in auffällig vielen seiner Kompositionen als strahlender Held und gediegener Ehemann verewigt. Und da ist andererseits die geschundene Künstlerseele Schosta-kowitschs, die so oft das geballte Leid und Elend aller unterdrückten Menschen der Welt mitzuschleppen scheint. Während der russische Komponist unter der Stalin-Diktatur wegen seines musikalischen Schaffens teilweise heftig angefeindet wurde und zeitweilig sogar um sein Leben fürchten musste, arrangierte sich Richard Strauss mit der Hitler-Diktatur relativ mühelos. Ganz im Gegensatz zu Schostakowitsch scheinen die beiden Weltkriege beim Komponisten musikalisch keine großen Spuren hinterlassen zu haben.

Bei Semyon Bychkov, dem vielfach bewährten russischen Gastdirigenten der Philharmoniker, ist von Opulenz und Raffinesse an diesem Abend eher weniger zu spüren. Sein Strauss klingt gut organisiert, mit kompakten Streichern und klar definierten Bassfundamenten. Es ist ein „Heldenleben“, bei der sich alle harmonischen Verläufe trefflich nachvollziehen lassen. Doch wirklich berühren kann diese Interpretation nicht. Denn Bychkov bietet weder verführerische Klangfarben noch reizt er die dynamischen Extreme der Partitur aus. Im krassen Gegensatz dazu steht das Totentanz-Rondo, mit dem das erste Cellokonzert von Schostakowitsch aufhört. Der französische Solist Gautier Capuçon spielt sich in der Kadenz zuvor regelrecht in Rage und reißt schließlich das ganze Orchester mit in den Abgrund. Und auch wenn sein Cellospiel in den ersten zwei Sätzen nicht frei von virtuosem Showgebaren und Schwelgereien ist: Capuçons hohes musikalisches Vermögen steht jederzeit außer Frage.

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