Amelie von Wulffen

Die Malerin und die Mädchenpreise

Amelie von Wulffen gehört zu den starken Künstlerinnen ihrer Generation. Gleichberechtigung in der Szene vermisst sie noch immer.

Amelie von Wulffen in ihrem Atelier in Berlin-Weißensee

Amelie von Wulffen in ihrem Atelier in Berlin-Weißensee

Foto: Anikka Bauer

Es ist einer dieser typischen Berliner Gegensätze auf nur wenigen Quadratmetern: Vorne Weißensee-Chic mit Tattoo-Studio, Max & Moritz-Gemüseladen und türkischem Bäcker. Hinter jener unauffälligen Stahltür, voll mit Graffiti, öffnet sich nach hinten ein schmales, langes Grundstück mit einem puristischen Neubau, zu dem ein seltsam verwunschener Garten mit Vogelhäuschen gehört. In dieser urbanen Idylle also lebt und arbeitet die Künstlerin Amelie von Wulffen, eine der starken Frauen der figurativen Malerei in Deutschland.

Wenn sie an der Leinwand steht, schaut sie auf ihren Garten, der ihr die letzten Jahre zu einiger Inspiration verholfen hat. Eine andere Form der Meditation, einige Paletten mit Setzlingen stehen im hinteren Teil ihres Ateliers. Jeden Tag kommt ein Fuchs vorbei, frisst Walnüsse, Wulffen sieht es an den Schalen, die überall herumliegen. "Er kann vegetarisch", lacht sie. Seit drei Tagen vermisst sie ihn, "ein sympathisches Tier, wie ein Hund", meint sie. Einige Male hat sie ihn fotografiert. Irgendwann wird er wohl als Motiv Eingang in ihre verwinkelten Bildwelten finden. In ihrer letzten Ausstellung zeigte sie einen großen Engerling – aus Keramik.

Die Malerin mit den dunklen Locken, Jahrgang 1966, ist eine der wenigen Künstlerinnen ihrer Generation, die im internationalen Ausstellungsbetrieb mit den männlichen Kollegen mithalten kann. Bei ihr dreht sich alles um die Malerei, ihre Möglichkeiten, ihre Grenzen. Um ihre Tradition. Dazu zählen Gemälde, Collagen, Zeichnungen, Comics.

Am kommenden Sonnabend wird ihr in der Berlinischen Galerie der Berliner Kunstpreis Ruth Baumgarte überreicht. Für ihre kommende Ausstellung in New York, geplant im nächsten Jahr, arbeitet sie momentan konzentriert an verschiedenen Gemälden. Da sehen wir eine Szene mit nackten Menschen in einem klaustrophobisch anmutenden Raum, daneben eine Art Alpendorf-Panorama. Mal albtraumhaft, mal surreal.

Bekannt wurde Amelie von Wulffen um die Jahrtausendwende mit ihren Architektur-Collagen, Fotos von meist sozialistischen, utopisch wirkenden Bauten, die sie in ihre Malerei integrierte. Danach ging es rasant aufwärts – wohlgemerkt war sie da erst drei Jahre auf dem Kunstmarkt: Einladung zur Biennale in Venedig, Manifesta in San Sebastian, Ausstellungen im Centre Pompidou in Paris, im Museum für Gegenwartskunst Basel, Galerien in New York, Wien, Paris wollten, dass sie liefert. In Berlin wurde sie von der Galerie Crone vertreten. Sie hat viel gearbeitet, gut verdient.

"Ein bisschen verrückt", meint sie zurückblickend, "und extrem aufreibend, in kurzer Zeit so viele riesige Ausstellungen zu stemmen." Im Nachhinein, sagt sie, "ist sie in diesen Jahren nicht unbedingt nur besser geworden – die Kunst". Das ist verdammt ehrlich, von ihren Kollegen hat man so eine Aussage noch nie gehört. Sie sieht Zweifel durchaus als Triebfeder, auch wenn das nicht immer leicht ist.

Ihre Gemälde brauchen ihre eigene Zeit

Der Kunstmarkt, findet sie, sei nicht nur schnell, sondern hat seine Launen, der Sammler-Jet-Set verlange immer "nach frischer, heißer Ware", sagt sie. Einmal drin in diesem Kreislauf müsse der Künstler vernünftig reagieren und gut mit Geld umgehen können.

Na ja, so "hysterische Preise" wie viele Künstler sie haben, hätte sie nie gehabt. Ihre Preise seien im Verhältnis "zahm", liegen zwischen 3500 bis 30.000 Euro, "Mädchenpreise", nennt sie das. Malerkollegen mit vergleichbarer Karriere bekämen mindestens das Doppelte. Ungerecht sei das, das müsste man gelegentlich schon wieder formulieren. Sie sei sehr dankbar, dass sie von ihrer Kunst leben könne. "Ich bin ja auch noch mit extremsten Machismus an der Akademie und auf dem Kunstmarkt groß geworden, aber es hat sich seitdem einiges verändert", sagt sie. Da bräuchte man andere Bezugsrahmen. Und so hält sie sich an jüngere Künstlerinnen wie Lucie Stahl, Birgit Megerle und Jana Euler. Da zählt Solidarität, man ist vernetzt, trifft sich, unterhält sich.

Wenn man allerdings in die Bücherregale in ihrem Atelier schaut, stehen dort nur die großen Männer: Leonardo da Vinci, Vincent van Gogh, James Ensor, Edvard Munch: "Das ist nun mal die Geschichte der Malerei." Von Wulffen hat darauf malerisch reagiert und schon einige "Männer-Maler-Selbstporträts" kopiert. Max Beckmann war dabei und Goya. Ein trotziges Männer-Kabinett.

Das ist ein Thema, Frauenbeteiligung in künstlerischen Berufen ist immer noch unterdurchschnittlich – deshalb hat die Bundesregierung sich entschlossen, demnächst einen runden Tisch einzuberufen. Andererseits gibt es auf der Kunst-Biennale in Venedig gerade ordentliche Frauenpower: Susanne Pfeffer ist Kuratorin des Deutschen Pavillons, die eingeladene Künstlerin heißt Anne Imhof, die Biennale-Kuratorin ist Christine Macel.

So einem Tempo wie anfangs, erzählt sie uns, möchte sie sich nicht mehr aussetzen. An ihrer Ausstellung in der Galerie Barbara Weiss im letzten Jahr hat sie anderthalb Jahre gearbeitet. Ein Bild braucht seine Zeit, seine Gedanken, muss bestehen können. Manchmal schaut sie Tage, Monate auf ein Motiv, um zu sehen, "was ein Bild mir sagt". Deshalb hängen in ihrem Atelier immer mehrere, manchmal zehn Bilder an der Wand. Sonst gerate man in die Gefahr, dass alle Werke "aus dem gleichen Zuckerguss" sind. "Es muss", findet sie, "zwischen den Bildern knirschen."

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