Kultur

Wie im Rausch: Ein Theater, das alles will und schafft

| Lesedauer: 2 Minuten
Katrin Pauly

„Die Borderline Prozession“ aus Dortmund beim Theatertreffen

Ein Hauch von Weihrauch hängt in der Luft von Oberschöneweide. Andächtig schreitet die kleine Gesellschaft durch die Rathenau-Hallen, umkreist immer wieder das riesige Wohncontainer-Ensemble, das hier extra fürs Theatertreffen, für die Mega-Installation „Die Bor­derline Prozession“ von Kay Voges und seinem Schauspiel Dortmund aufgebaut wurde. „Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben. Wie auch sonst im Dasein“, lautet ein Satz, der anfangs auf den großen Videoleinwänden zu lesen ist. Die Prozession schreitet noch. Und singt dazu „In a Manner of Speaking“ von Nouvelle Vague. Dann eine Einblendung auf den Bildschirmen: „Macron 65 Prozent“, Applaus im Saal.

Die Wirklichkeit hat schon in all das hier eingegriffen, bevor die Darsteller ihre Plätze in der Wohnlandschaft eingenommen haben. Die Prozession löst sich auf, aber der Kamerawagen fährt den ganzen Abend immer weiter im Kreis. Regisseur Kay Voges läuft daneben und steuert per Headset seine Live-Regie und koordiniert mit faszinierender Präzision die Projektionen und das Bühnengeschehen, während die Kamera permanent in Bewegung ist.

Das Publikum sitzt an beiden Längsseiten, die einen sehen in die Zimmer hinein, in die Küche, ins Bad, das Wohnzimmer, die anderen sehen die dunkle, runtergekommene Rückseite, eine triste Trinkhalle, eine Bushaltestelle, Zäune und Gitter. Es gibt mehrfach die Aufforderung, die Perspektive zu wechseln, dann tauschen wir die Plätze.

Wir sehen immer nur Ausschnitte, bekommen kurze Einblicke in fremde Leben, davon aber sehr viele. Wir werden mit Bildern überwältigt. Mit Musik von den Talking Heads, Britney Spears und Gustav Mahler. Und mit Texten. Von Dante und Charles Bukowski, Brecht und die Bibel, Jonathan Meese und André Breton. Es ist ein Theater, das alles will und schafft: Die totale Überforderung und das Innehalten, es stellt Kausalität, Brutalität und Banalität nebeneinander, es inszeniert die Gleichzeitigkeit von allem als gigantischen Bilderrausch. Da gewinnt also einer gerade die französischen Präsidentschaftswahlen, während in einem Auto eine Frau vergewaltigt wird, während eine Nixe sich im Pool räkelt, während in der Küche jemand Zwiebeln schneidet, während ein Kind „Himmel und Hölle“ hüpft. Napoleon stirbt und wird von einer Horde Lolitas zu Grabe getragen.

Ganz benommen und berauscht verlässt man nach drei Stunden diese Messe über die Undurchschaubarkeit der Welt. Nach Weihrauch riecht es hier jetzt nicht mehr. Nur noch nach Zwiebelsuppe.

( Katrin Pauly )