Kultur

Philharmoniker beweisen viel Mut zur Hässlichkeit

Vor Bruckner hat Simon Rattle Simon Holts „Surcos“ gesetzt

Bruckners 80 Minuten währende Achte Sinfonie, kombiniert mit einem klitzekleinen Appetithappen Neue Musik? Auf diese Idee kann wohl nur Sir Simon Rattle kommen. Die Absicht dahinter ist natürlich ehrenwert: keine Gelegenheit ungenutzt lassen, um Orchester und Publikum mit zeitgenössischen Komponisten zu konfrontieren und so die Ohren für die Gegenwart zu öffnen. Dass diese Werke dann mit Rücksicht auf die konservativen Kräfte des Orchesters meistens nur zwischen fünf und zehn Minuten dauern dürfen, mit dem restlichen Programm nicht viel zu tun haben und häufig sehr schnell wieder vergessen sind, steht auf einem anderen Blatt. Ebenso wie manch unheilvolle Nachwirkung auf das Folgerepertoire des Abends – wie nun im Fall von Simon Holts Sechsminüter „Surcos“ („Furchen“) mit dem Untertitel „Largo: quasi Sarabande“ zu erleben ist. Der britische Komponist lässt sich hier von einem spanischen Gedicht inspirieren, in dem ein Sämann sein Saatgut in die Furchen der gepflügten Erde wirft, während langsam der Winter anbricht. Was dabei überrascht: Es geht musikalisch keineswegs, wie im Programmheft angekündigt, um „zartes Wachstum aus kleinen Körnern“. Im Gegenteil sogar. Holts Partitur ist durchdrungen von einer neo-expressionistischen Schroffheit, die von den Berliner Philharmonikern viel Mut zur Hässlichkeit abverlangt.

Da es danach gleich mit dem Kopfsatz von Bruckners Achter weitergeht, bleibt wenig Zeit, um über „Surcos“ nachzudenken – und achtzig Minuten später ist die Erinnerung daran fast vollständig verblasst. Nur so viel: In den ersten beiden Bruckner-Sätzen scheinen die Philharmoniker einige Probleme zu haben, ihre spätromantische Klangkultur wiederzufinden. Doch dann kommt die Erlösung: Im Adagio, dem wahrscheinlich persönlichsten Bruckner-Sinfoniesatz, legen die Philharmoniker plötzlich den Schalter um – jenen mysteriösen Schalter, der auf unergründbarer Orchesterpsychologie beruht.

Waren Rattle und sein Orchester zuvor schlechte Bruckner-Interpreten? Natürlich nicht, es sind die gleichen Musiker, die nun allerdings auf ungleich höherem Niveau spielen. Rattle inszeniert diesen langsamen Satz als ein komplexes Seelendrama. Es ist ein 30-minütiges Adagio, das sich offen für die Klangwelten Puccinis und sogar Mahlers zeigt. Und auch das scheint charakteristisch für Sir Simon Rattle: Kein Werk steht bei ihm für sich allein – überall sind Wechselwirkungen mit anderen Komponisten zu spüren. Und dies gepaart mit einer Experimentierfreude, die zwar mitunter Enttäuschungen erzeugen kann, aber auch großartige Gewinne wie jetzt das Bruckner-Adagio bereithält.

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