Kultur

Noch einmal so wie früher

In der Komödie „Wir sind die Neuen“ nähern sich die Generationen an und die Alten leben auf

Sie haben's noch drauf: "Born to be Wild", das war ihr Credo und ihre Hymne. Jetzt rocken sie zu dem Song wieder durch ihre WG-Küche. Wie früher. Mit Headbanging und Kochtopf-Percussion und sehr viel Wein. Richtig laut, nur um die Nachbarn zu ärgern. Auch wie früher. Und der Saal in der Komödie am Kurfürstendamm rockt mit, weil Winfried Glatzeder, Heinrich Schafmeister und Claudia Rieschel dabei erstens so herrlich selbstvergessen und selbstironisch tanzen. Und weil zweitens ein großer Teil des Publikums höchstwahrscheinlich nicht nur ihre Musikvorlieben, sondern auch ihre Erfahrungen teilt, jedenfalls war im Laufe dieses Abends auffällig viel zustimmendes Gemurmel im Parkett zu vernehmen.

In der Generationenkomödie "Wir sind die Neuen" spielen die drei ein Alt-68er-Trio, das ihre ehemalige Studenten-WG wieder aufleben lässt. Sie ziehen noch mal zusammen. Weil sie sich die Mieten in der Stadt nicht mehr leisten können. Und auch, weil's so lustig war damals. Drehbuchautor und Regisseur Ralf Westhoff brachte den Stoff 2014 in die Kinos. Der Kudammbühnen-Chef Martin Woelffer hat ihn jetzt für seine Komödie am Kurfürstendamm bearbeitet und inszeniert.

Die Nachbarn mit lauter Musik provozieren, das klappt immer noch. Nur dass sich die Vorzeichen geändert haben: Über den feierlustigen Ex-Revoluzzern wohnt nämlich die Jugend von heute, und die hat anderes im Sinn als Love und Peace und so weiter. Thorsten (Eric Bouwer), Katharina (Luise Schubert) und Barbara (Annalena Müller) sind schwer mit der Optimierung ihrer Lebensläufe beschäftigt und im Lernstress für ein 1-a-Examen, um in der Leistungsgesellschaft zu bestehen. Beim ersten Aufeinandertreffen mit den Alten machen sie klar: "Wir haben keine Kapazitäten." Was so viel heißt wie: Für euch einkaufen, zur Apotheke gehen oder das Smartphone erklären is' nicht. Und die Nachtruhe ist einzuhalten.

Nach der Begegnung zupft sich Glatzeders Eddi kurz am Che-Guevara-T-Shirt und stellt fest: "Wir waren in der Hölle." Claudia Rieschels Anne, die ihr Biologinnenleben der Rettung der Schleiereule gewidmet hat, fragt sich fassungslos: "Wofür haben wir denn gekämpft?" Tatsächlich sind die Figuren zu Beginn noch übertrieben klischeehaft angelegt. Vor allem die Studierenden sind wirklich streberhafte Ekelpakete. Aber das bleibt nicht so. Nach etwa einer halben Stunde nimmt der Abend Fahrt auf. Die geschliffenen, lebensnahen Dialoge, die das Stück stark machen, beginnen zu funkeln, die Pointen, die vor allem Heinrich Schafmeister mit supergenauem Timing auskostet, zünden. Es offenbaren sich Brüche in den Figuren, gescheiterte Lebensentwürfe treten unten zutage, während oben die junge Generation von Leistungsdruck zermürbt wird. "Die sind im Arsch,", konstatiert Schafmeisters Johannes irgendwann, "sie trinken, heulen und fotografieren den Herd. Die brauchen Hilfe." Wie sich die Generationen hier gegenseitig beargwöhnen, wie die Masken fallen und dann die Wertschätzung füreinander wächst, das ist bei diesem spielfreudigen Ensemble nicht nur sehr lustig in der Sache, sondern auch sehr lebensklug im Kern.

Durchgehend (außer Mo. ) bis zum 11. Juni in der Komödie am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206/209 Kartentel. 88 59 11 88

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