Kultur

Sibelius-Sinfonie mit Mariss Jansons will nicht zünden

Bartóks aggressive „Mandarin“-Suite, kombiniert mit schicksalsträchtigem Sibelius und sportlichem Weber: Eigentlich ist dies ja ein Philharmoniker-Programm, auf das man sich schon seit Monaten freut. Zumal mit Mariss Jansons ein ganz besonders geschätzter Gastdirigent eingeladen ist und auch das Solodebüt des hauseigenen Klarinettisten Andreas Ottensamer ansteht. Ein weiterer Anreiz: Bei Sibelius’ erster Sinfonie können die Musiker auf die intensive Vorarbeit mit ihrem Chefdirigenten Simon Rattle zurückgreifen. Schließlich ist der gemeinsame Sibelius-Zyklus inklusive CD-Produktion erst zwei Jahre her. Beste Voraussetzungen also für den lettischen Dirigenten Jansons, möchte man meinen.

Doch umso enttäuschender dann, das gerade diese Sibelius-Sinfonie Nr. 1 nicht zünden will. Denn abgesehen vom wunderbar atmosphärischen Klarinettensolo des Ottensamer-Kollegen Wenzel Fuchs gleich zu Beginn wirken die Philharmoniker eher uninspiriert. Ihre Tempi muten schleppend an, ihre Artikulation solide, das Verhältnis zwischen Streichern und Bläsern durchwachsen. Es ist ein Sibelius, der Anlass zu Spekulationen bietet: Sind die Philharmoniker vielleicht noch erschöpft von ihrer konzertanten Puccini-­„Tosca“ vor fünf Tagen, die ihnen unter Rattle geradezu phänomenal gelungen war? Oder eignet sich diese gewichtige Sibelius-Sinfonie, in der es knapp 40 Minuten lang um Schicksal, Triumph und Tod eines ungenannten Helden geht, nicht für den Beginn eines Konzertabends? Andere Dirigenten und Orchester setzen den sinfonischen Erstling des finnischen Komponisten lieber ans Ende.

Bei den Philharmonikern steht dort an diesem Abend allerdings Bartóks Suite „Der wunderbare Mandarin“ nach der gleichnamigen Ballett-Pantomime, ein berüchtigtes, reißerisches Werk des musikalischen Expressionismus. Es geht um drei Gauner, die mithilfe eines Mädchens ihre Opfer brutal bestehlen – bis ein exotisch-rätselhafter Mandarin auftaucht, der die Szenerie kräftig aufmischt und zunächst weder durch Ersticken und Erstechen noch durch Erhängen gestoppt werden kann. Der 74-jährige Jansons mildert die Drastik der Partitur deutlich ab, lässt lange Zeit die Musik über das Geräusch triumphieren. Erst gegen Schluss geraten Klangkultur und Schönspiel immer mehr zur Nebensache. In den letzten fünf Minuten steigern sich die Philharmoniker in eine Gewaltorgie, mit der man bereits viel früher gerechnet hatte.

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