Kultur

„Free Schubert“: Stegreiforchester im Radialsystem

Drei Pauken, ein Drumset und dazwischen ein Gitarrenverstärker. Der Aufbau im Radialsystem deutet nicht direkt auf ein klassisches Konzert hin. Das Stegreiforchester überschreibt Schuberts Große C-Dur-Sinfonie mit seinen eigenen musikalischen Gedanken. Das berühmte Hornthema erklingt von Ferne aus dem Foyer. Ein Kontrabass wird kopfüber durch den voll besetzten Saal getragen. Mehr und mehr zupfende Streicher betreten die Bühne, laufen spielend durcheinander, bis sie stehen bleiben und mit vollem Einsatz Schubert ins Publikum schmettern.

Vor anderthalb Jahren hat das Stegreiforchester mit „Free Beethoven“ sein fulminantes Debüt im Radialsystem gegeben. Nun kehren die 24 klassisch ausgebildeten Musiker, alle unter 30, mit ihrem zweiten Programm zurück: „Free Schubert“. Die Aufführung dauert mit einer guten Stunde nicht viel länger als das Original. Die Musiker kennen ihren Schubert genau, aber sie spielen ihn mit Ausbuchtungen und Abstechern.

Aus einer dunklen Ecke ertönt das Klezmer-Schluchzen der Klarinette. Allmählich finden sich die Holzbläser zu Schuberts volkstümlichem Seitenthema zusammen. Sie spalten sich auf der Bühne als Grüppchen ab. Der Rest des Orches­ters belauert die Wortführer. Schließlich werden sie in die Ecke gedrängt und vertrieben. Die Musiker singen und summen im Chor. Die Posaune wagt ein angejazztes Solo, doch bevor Schubert zu frei wird, kehrt das Orchester zum Hauptthema zurück.

Das Konzept geht auf. Das Stegreiforchester hat sich eine spannende Nische im Experimentierflügel des Konzertbetriebs eingerichtet. Die Musiker spielen nicht nach Noten, ohne Dirigenten, und sie tragen keine Fräcke. Die Regisseurin Theresa von Halle hat ihnen ein ganz aus der musikalischen Struktur heraus entwickeltes Bewegungskonzept auf den Leib geschrieben. Sie stellt musikalisches Miteinander und Gegeneinander bildhaft auf die Bühne, ohne zu plakativ zu werden. Die Bewegungen verdeutlichen die Struktur der Musik.

Auch die Arrangements und Zwischenkompositionen des Orchestergründers Juri de Marco, der in Berlin klassisches Horn und in Leipzig Jazztrompete studiert, spielen immer fantasievoll mit dem Schubert-Material. Es gibt Anklänge an Jazz, Folk, Rock und Elektro, aber keine billigen Collagen oder die Ausbeutung von bekannten Melodien. De Marco träumt davon, die traditionelle Musikwelt zu verändern.

Die Stegreif-Musiker haben Schubert analysiert und stilvoll mit eigenen Ideen ins Heute übersetzt. Spielt die Improvisation bei „Free Schubert“ auf der Bühne eine große Rolle? Wahrscheinlich nicht, es wirkt wie eine durchgeplante, gestylte, äußerst wirksame Performance. Später am Abend gibt es noch eine improvisierte „Jam-Sinfonie“, und die fiel, sorry, weit weniger spannend aus. Das Finale der Schubert-Nummer mit dem minutenlangen Einfrieren der Musikergesichter direkt vor dem Einsatz, der wilden Tanzenergie und dem Geräuschtheater wird man nicht so schnell vergessen. Das nächste Mal hört man Schubert anders.