Kultur

Vom Theaterbetrieb und seinen Tücken

Das Musical „[titel der show]“ bringt Swing in den Admiralspalast. In der deutschsprachigen Erstaufführung bleibt der Sprachwitz erhalten

Der innere Kritiker ist ein Vampir. An Ideen mangelt es bei kreativen Menschen selten – aber an der Durchführung. Gerade dann, wenn die ersten Schritte gemacht sind, fragt die innere Stimme: Ist das gut genug? Da hilft nur, diesem Zweifel entschlossenen entgegenzutreten wie Susan in „Stirb Vampir, stirb“.

Die Nummer gehört zu den Höhepunkten des Musicals „[titel der show]“ – ein herrlicher Insider-Scherz: Zwei Jungs beschließen, für ein Festival ein Musical einzureichen. Drei Wochen bleiben noch. Doch worüber schreiben? Zum Beispiel darüber, wie zwei Typen zusammen mit zwei Sängerinnen und einem Pianisten ein Musical schreiben und erarbeiten – alles, was im Prozess gesagt oder erlebt wird, kann Teil der Show werden. Natürlich schlagen sich die vier mit dämlichen Nebenjobs oder entwürdigenden Vorsprechen für Minirollen durch, während sie vom Broadway träumen, haben ihre Zweifel, gehen einander auf die Nerven. Ist alles wirklich so passiert. Und saukomisch.

Hunter Bells Buch ist der eigentliche Clou des Abends, voller Esprit und schonungslosen Pointen über den (amerikanischen) Theaterbetrieb und seine Tücken. Jeff Bowens Musik swingt spritzig, aber fern jedes Ohrwurmverdachts dahin, zitiert gelegentlich ein paar große Vorbilder, wirkt beim fabelhaften Pianisten Damian Omansen wie eben improvisiert. Bells Text aber sprüht vor Anspielungen, überraschenden Wenden und Pointen, dass man aus dem Staunen und Lachen nicht mehr herauskommt.

Regisseur Robin Kulisch hat ihn für die deutschsprachige Erstaufführung übersetzt und dabei den Sprachwitz des Originals erstaunlich gut herübergerettet. Seine Sängerdarsteller lässt er mit glühender Verve und großartigem Timing aufeinander los: Dennis Weißert leuchtet als Hunter vor Optimismus, trägt sein Herz auf der Zunge – mit großen Gesten, noch größeren Augen und seligem Tenorschmelz. Alexander Soehn­le grundiert seinen nerdigen Jeff dunkler, ein sympathischer Zweifler. Annika Henz wirft als Heidi eine große Stimme und eine gute Portion herzlicher Zickigkeit in den Ring, Franziska Kuropka erdet ihre Susan mit einer Portion Charakterkomik.

Toll, wie Silvia Varelli auf dem Nudelbrett der kleinen Bühne F101 in immer neue, immer fantasievolle Choreografien arrangiert und Daniel Unger mit nur vier verschiedenen Stühlen und Kostümen die Charakterisierungen schärft. „[titel der show]“ hat zwar das Format einer typischen Neuköllner-Oper-Produktion, aber die Seele eines Broadway-Musicals: Es geht um den großen Traum, die Angst vorm Scheitern, um den Glauben an sich selbst, den Teamgeist. Der Abend ist aber auch ein Lob der Fiktion: Einmal spinnt Hunter ein bisschen rum, behauptet, sie würden jetzt über New York fliegen. Und tatsächlich: Obwohl es keinen Nebel gibt, ja obwohl sich der Zweifler Jeff verweigert und die anderen sich nur auf ihre Stühle stellen und mit den Armen rudern, sieht man sie tatsächlich schweben – das Wunder des Theaters.

Admiralspalast Friedrichstr. 101, Mitte.
Karten: 01805-2001. Nächste Vorstellungen: 25., 28. April, 2. Mai, 20 Uhr

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