Kultur

Das Elend des Exils

Wenn man als Kind die kriegerische Belagerung einer Stadt mit andauernden Bombeneinschlägen erlebt, unter schwierigen Bedingungen flüchten konnte und sein Leben schließlich mit neuer Sprache in einem fremden Land auf die Reihe zu kriegen versucht, kann man das Leben schon mal als reine Abfolge unterschiedlicher Zustände des Irrsinns verstehen. So jedenfalls liest sich das Buch von Tijan Sila, der 1994 als 13-Jähriger von Sarajevo nach Deutschland gekommen ist, heute als Berufschullehrer in Kaiserslautern arbeitet und mit "Tierchen unlimited" seinen ersten Roman veröffentlich hat.

Es ist eine fiktive Kriegs-, Flucht- und Entwicklungsgeschichte mit starken autobiografischen Elementen, die von Sarajevo nach Heidelberg führt, und die ihren Charme vor allem aus unzähligen Disparitäten gewinnt. Da sind die Rückblenden in das kriegsgeschundene Sarajevo, das von 1992 bis 1996 den längsten Belagerungszustand einer Stadt im 20. Jahrhundert erlebt hat, bei dem 11.000 Menschen ums Leben gekommen sind.

"Krieg ist vor allem langweilig", erinnert sich der Icherzähler daran, ein Teenager, der in den Pausen zwischen den Angriffen vor allem damit beschäftigt ist, Comics und Videospiele zu tauschen und die Zeit vor dem nächsten Stromausfall zu nutzen. "Es ist schwer, im Krieg schön zu sein", ist eine weitere Erkenntnis des Heranwachsenden, dem das Erwachsenwerden vom Krieg gestohlen wird. Der Vater hilft bei der Vergabe von Hilfsgütern, was wegen reichlicher Inkompetenz der unterschiedlichen Organisationen gar nicht so einfach ist. Obwohl seine Eltern als strenge Sozialisten trotz Akademikerstatus auf einer klaren Sprache bestehen, zeigt sich Sila wie sein Erzähler begeistert von Fremdwörtern und Prätention, "monologisiert" der spätere Germanist hier und wird "effeminiert" da, während er ebenso mächtig "verdroschen" wird oder Frauen aus Rachsucht Gesichtsfürze von sich geben. Es ist ein sprachliches Kontrastprogramm das durchaus irritiert.

Warum die Eltern eigentlich nach Deutschland gehen, kann der Teenager nicht verstehen. Es herrscht Sprachlosigkeit in der Familie. Falsche Hoffnungen, dass man die Ausbildungen anerkennt, dass sie es leicht schaffen müssten, sich hier zu etablieren, werden als naiv quittiert. Für den Erzähler beginnt der eigentliche Wahnsinn nach der Flucht. Weil seine Eltern das deutsche Schulsystem nicht kennen und er kein Deutsch spricht, wird er auf die Hauptschule geschickt, ein harter Weg bis an die Universität beginnt. Gefühlt hat die deutsche Durchschnittsfamilie bei Sila mindestens einen Neonazi als Sohn zu bieten, der entweder aus Sympathie in den Krieg gezogen und in Bosnien gefallen oder sonst wie im Knast gelandet ist.

Seine Freundinnen sind Polizistinnen oder beim Verfassungsschutz, verfolgt werden Linksextremisten, auch wenn die Welt doch voller Nazis ist, die Freunde haben selbst als Immigranten engen Kontakt zu eben jenen Fremdenfeinden, an der Universität wird er zum Profi-Einbrecher, im Studentenwohnheim bekommt er es mit Exhibitionisten zu tun, die man mit Exkrementen los wird, ein ehemaliger Linksterrorist taucht auch noch am Rande auf, die Eltern werden gleichzeitig dement, wodurch die eigene Vergangenheit verloren geht. Sila springt zwischen den Zeitebenen, verschachtelt die Erlebnisse seines Helden und verliert im Überschwang irgendwann ein bisschen seine Geschichte.

Alles wird im Verlauf immer schneller, immer wahnsinniger und damit leider auch unpräziser und schablonenhafter. So sind dem Leser am Ende die Teenager von Sarajevo ein größerer Begriff als die Menschen aus der deutschen Provinz. Das kann auch was haben, ist alles gut zu lesen, teilweise anrührend, teilweise sehr komisch und doch hat man das Gefühl, dass bei Roman und Autor mehr drin gewesen ist.

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