Film

In dieser Zukunft muss noch nach dem Tod bezahlt werden

Deutschsprachige Science-Fiction-Filme haben es schwer. Dieser hier macht trotz niedrigem Budget einiges her. Mit düsteren Visionen.

Big Brother is watching you: Clemens Schick als Agent für Todesversicherungen

Big Brother is watching you: Clemens Schick als Agent für Todesversicherungen

Umsonst, weiß der Volksmund, ist nur der Tod. Aber in Valentin Hitz' Science-Fiction-Film "Stille Reserven" gilt nicht mal mehr das. In der nahen Zukunft, die er da entwirft, ist der Kapitalismus so weit fortgeschritten, dass Menschen auch noch nach ihrem Ableben bezahlen müssen. In Palliativzentren und Geriatrien werden sie dazu in einen künstlichen Dämmerzustand versetzt, in dem sie weiter ausgebeutet werden: als mentales Datenreservoir, Leihmutter oder Organersatzlager. Fiese neue Welt.

Gegen diese Brachialmethode hilft nur der Abschluss einer "Todesversicherung". Aber die ist teuer, nur die wenigsten können sie sich leisten. Und so ist die Gesellschaft tief gespalten. Hier die Reichen, die in mondänen Palästen residieren, da die Armen, die in tristen Vororthochhäusern vegetieren.

Clemens Schick spielt den Versicherungsagenten Vincent, dessen akkurat gebügelter Scheitel versinnbildlicht, wie sehr er die Maximen des mächtigen Assekuranzkonzerns verinnerlicht hat. Letzte Anzeichen eines Gewissens werden durch Schmerzmittel unterdrückt, Funktionieren ist alles. Als auch er einmal das strenge Effizienz-Soll nicht erfüllen kann, fällt er in Ungnade. Wird in die Parallelwelt der Armen geschickt. Und soll dort undercover die geheimnisvolle Lisa (Lena Lauzemis) observieren. Die praktiziert nicht nur Sterbehilfe der anderen Art (das Recht auf Ruhe nach dem Tod), sie will das ganze System außer Gefecht setzen.

Der Genrefilm hat es schwer im deutschsprachigen Kino. Das gilt vor allem für Science-Fiction. Für andere Spielarten bieten sich immerhin Nischen im Independent-Bereich, SciFi dagegen verlangt nach futuristischen Visionen, ergo imposanten Settings. Allein damit sticht diese Koproduktion aus Österreich, der Schweiz und Deutschland einsam heraus.

Hitz und seinem Set Designer Hannes Salat gelingt es mit einfachsten Mitteln, Wien in eine kühl-sterile, abweisende Zukunftswelt zu verwandeln (wobei die Machtzentrale des Konzerns erkennbar in der Bibliothek der Humboldt-Universität gedreht wurde), und Kameramann Martin Gschlacht gießt das in akkurat verstörende Bilder.

Aber statt seine Grundthematik wirklich auszureizen, verzettelt sich Hitz, der auch das Drehbuch schrieb, mit zu vielen Wendungen, die den eigentlich klaren Plot unnötig verkomplizieren und im Ganzen dann doch zu sehr den oft gesehenen Klischees des Genres entsprechen. Natürlich verliebt sich der Mann in die Frau, die er ausspi- onieren soll. Und wird am Ende von allen ausgenutzt. Schade, da wäre mehr drin gewesen. Dass ein junger Filmemacher im deutschsprachigen Kino Science-Fiction wagt, ist gleichwohl allein schon ein mutiger Schritt, den man nicht genug bewundern kann.

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