Oper

Licht am Ende des Tunnels in Wagners "Ring"

An der Deutschen Oper in Berlin endet am Montag Richard Wagners „Ring“ von Götz Friedrich. Der Neue folgt dann im Jahr 2020.

Wie es nach einem Atomschlag weitergeht: Szene aus Richard Wagners „Walküre“ mit Siegmund (Stuart Skelton) und Brünnhilde (Evelyn Herlitzius)

Wie es nach einem Atomschlag weitergeht: Szene aus Richard Wagners „Walküre“ mit Siegmund (Stuart Skelton) und Brünnhilde (Evelyn Herlitzius)

Foto: ©Bettina Stöß

Im dritten Akt ist es so weit, die Walküren nahen. Regisseur Götz Friedrich hat sie chic in Leder einkleiden lassen, so etwas zwischen Rockerbräuten und Sadomaso-Miezen. Bei der Premiere 1984 hat es deshalb Proteststürme in der Deutschen Oper an der Bismarckstraße gegeben.

Einige Zeitzeugen, die damals bei der Premiere von Richard Wagners vierteiligem "Ring des Nibelungen" dabei waren und jetzt über Ostern noch einmal die letzte Aufführungsserie verfolgen, wirken schon irritiert. Sie hatten andere Erinnerungen. Die Szene wirkt geradezu bieder. Es ist heute alles andere als ein Aufreger.

Götz Friedrichs Berliner "Ring"-Inszenierung gilt neben dem Bayreuther "Jahrhundertring" von Patrice Chéreau als eine der bedeutendsten Opernproduktionen des 20. Jahrhunderts. Sie hatte lange Jahre Kultstatus, und auch die letzten Vorstellungen sind restlos ausverkauft. Es herrscht Abschiedsstimmung.

Mehr als 400.000 Menschen sahen Wagners Ring

Wenn sich am Ostermontag nach der "Götterdämmerung" der Vorhang senkt, ist der letzte "Ring" der 80er-Jahre endgültig Geschichte. Nach den Premieren von "Das Rheingold" und "Die Walküre" 1984 waren "Siegfried" und "Götterdämmerung" im Jahr darauf gefolgt.

Die "Ring"-Aufführungsserien gehörten immer zu Höhepunkten im Opernjahr. Friedrichs "Ring" war mit Gastspielen in Yokohama, Tokio und Washington D.C. und einigen Einzelaufführungen mehr als 50 Mal zu sehen. Somit dürften ihn weit mehr als 400.000 Menschen gesehen haben.

Tunnel wird nach Ostern durch Alba entsorgt

Legendär an Friedrichs Inszenierung ist der lange Tunnel, den ihm Bühnenbildner Peter Sykora hingebaut hat. Eine Postkarte von einem Tunnel in Washington hatte Friedrich auf die Idee gebracht. Auf der Bühne ist er 34 Meter lang, für Besucher der letzten Reihe ist das Licht am Ende des Tunnels 70 Meter entfernt.

Er ist nach wie vor imposant anzuschauen, auch wenn die Opernleute behaupten, er würde seit Jahren aus Altersschwäche ächzen und krächzen. Ein Neubau sei zu kostspielig, heißt es. Das ist eine der fadenscheinigen Begründungen, warum der "Ring" jetzt abgesetzt wird. Eine andere lautet, der Zeitgeist sei längst über Friedrichs Deutung hinweggegangen. Überhaupt verlange das Publikum etwas Neues.

Horrorszenario des Weltuntergangs

Tatsächlich wirkt der Tunnel, der am Dienstag nach Ostern zur Entsorgung an das Recyclingunternehmen Alba freigegeben wird, inzwischen vertraut, ja fast gemütlich. Das Opernbild hat sich verselbstständigt.

Bei Friedrich zogen sich die Götter nach einem Atomschlag in den Tunnel zurück und versuchten inmitten von Gier, Verzweiflung und Gewalt, etwas Beständiges zu finden. Diese Art von Dystopien hat sich seither vor allem in der Kinobranche durchgesetzt, wo die menschlichen Abgründe nach einem "Weltuntergang" in immer neuen Horrorszenarien durchgespielt werden.

Inszenierung aus der Zeit des kalten Krieges

Friedrichs Inszenierung entstand in der Zeit nach dem Nato-Doppelbeschluss. Ost und West rüsteten ihre Atomwaffen auf. Deutschland lag im Zentrum der Bedrohung. Es war eine Zeit der Friedensdemos, auch wenn sich in der Oper die Besucher lieber über Lederklamotten der Walküren aufregten.

Götz Friedrich hat gegenüber anderen Regisseuren dieser Zeit politische Direktheit vermieden. Von seinem "Zeittunnel" war deshalb immer wieder die Rede, und auch davon, dass das Ende der Anfang sei. Ansonsten wird einfach Wagners Geschichte auserzählt, die Riesen sind groß, die Zwerge klein, die Götter größenwahnsinnig. Man trägt Lanze, Schwert und Pistole.

Göttergeschichte als Psychodrama

Wagners Göttergeschichte ist bei Friedrich aber vor allem ein Psychodrama. Seine einfühlsame Personenführung auf der Bühne ist nach wie vor verblüffend, wenn man bedenkt, wie oft die Sänger seither wechselten und immer wieder neu in die Rolle eingeführt werden mussten. Auch zum Finale verwöhnt die Deutsche Oper mit großen Stimmen.

Es ist ein Abschied auf hohem Niveau und die Pausengespräche, die für Wagnerianer wichtig sind, dementsprechend wohlwollend. Die Brünnhilde der Evelyn Herlitzius wird bejubelt, Eva-Maria Westbroek als Sieglinde vom Publikum geradezu geliebt. Den Siegmund von Stuart Skelton finden viele imposant.

Etwas umstritten ist Wotan. Derek Welton singt den Göttervater im "Rheingold" mit jugendlich zweiflerischer Eleganz. Er ist ein bemerkenswerter Wagner-Darsteller. In Reihe 12, Platz 27, klingt er großartig, von Besuchern aus Reihe 20 ist zu hören, sie wünschten sich mehr Tragfähigkeit. In der "Walküre" singt Iain Paterson den Wotan mit vertrauter Akkuratesse und altväterlicher Attitüde. Das ist immer mehrheitsfähig.

Pathos und jede Art von Manipulation vermeiden

Am Pult steht Donald Runnicles, für den der "Ring" an der Deutschen Oper eine besondere Bedeutung hat. 2007 hat er ihn zum ersten Mal als Gast dirigiert. Das Publikum und vor allem die Musiker des Orchesters horchten auf. Auf etwas unsanfte Art wurde der amtierende Generalmusikdirektor Renato Palumbo verabschiedet.

Seit 2009 ist Runnicles im Amt – und er hat dem Orchester hörbar gutgetan. Er lässt den 16-stündigen "Ring" jetzt wie ein Seelendrama dahinfließen. Die Musiker folgen ihm in perfekter Klanglichkeit. Runnicles versucht, Pathos und jede Art von Manipulation aus dem Orchestergraben zu vermeiden. Seine Geradlinigkeit kommt den Sängern zugute. Sie sind bestens aufgehoben.

Arbeiten an einem neuen Konzept laufen

Dass diese letzte "Ring"-Aufführung etwas Besonderes ist, bestätigt ein Blick in den Zuschauerraum. Intendant Dietmar Schwarz ist jeden Abend dabei und in den Pausen in Gespräche verwickelt. Zwischendurch begrüßt er Wagner-Nachfahren, von denen es einige mehr gibt als nur die amtierende Bayreuth-Chefin. Götz Friedrichs Witwe, die Sängerin Karan Armstrong, und der gemeinsame Sohn sind zu sehen.

Und auch Regisseur Stefan Herheim schaut sich das Finale an. Der Norweger hatte Ende der 90er-Jahre bei Götz Friedrich in Hamburg Opernregie studiert. Er ist sein erfolgreichster Schüler, einer, der Kontroversen nicht scheut. Er arbeitet bereits mit Runnicles am neuen "Ring"-Konzept. Bereits 2020 wird Herheim den nächsten Zyklus an der Deutschen Oper beginnen. Er tritt ein schweres Erbe an.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.