Kultur

Beth Ditto fegt wie eine Naturgewalt durch das Lido

| Lesedauer: 2 Minuten
Thomas Abeltshauser

Die US-Sängerin wird beim Berlin-Konzert gefeiert

Es war, womöglich, das Konzert des Jahres. Auf jeden Fall ist es das am Mittwochabend für die Anwesenden im Lido. Dort stellt Beth Ditto, Ex-Sängerin der Band Gossip, ihr Solodebüt vor, das im Juni erscheinen wird. Es ist weltweit das erste Mal, und die Karten für das Konzert, das nur eine vorher Woche bekannt gegeben wurde, waren innerhalb von Minuten ausverkauft. Entsprechend euphorisch wird sie gefeiert, als sie pünktlich um 21 Uhr und sichtlich nervös die Bühne betritt. Sie überspielt es mit Scherzen, kündigt eine Mischung aus Comedy und Burlesque an – und bleibt dann doch recht züchtig. Bei früheren Konzerten in kleinen Berliner Clubs entblößte sie schon mal selbstbewusst ihren Rubenskörper, wenn es zu heiß wurde. An diesem Abend macht sie nur Witze über den Lippenstift, der sich wegen der Hitze selbstständig macht.

Im Publikum stehen einträchtig Frauenpärchen im funktionalen Partnerlook neben Hipsterjungs mit Vollbart und Hochwasserjeans. Die neuen Songs, bis auf das Anfang der Woche veröffentlichte „Fire“ noch nirgendwo zu hören, reißen alle gleichermaßen mit. Wie eine Mischung aus Aretha Franklin und Iggy Pop hat Ditto ihr Publikum von Anfang an im Griff, ihre neuen Stücke sind weniger discolastig, weniger elektronisch als das, was sie mit ihrer Band Gossip zuletzt gemacht hat. Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln, eine antreibende Mischung aus Soul, Rock und Beats. Mit ihrer Stimme und Präsenz beherrscht sie die Bühne wie eine Naturgewalt.

Gossip kam aus der amerikanischen Queerszene und war bis 2016 mit Hits wie „Standing in the Way of Control“ und „Move in the Right Direction“ auch international erfolgreich. „Heavy Cross“ ist mit 96 Wochen bis heute auf Rang zwei der Singles, die sich am längsten in den deutschen Top-100-Charts gehalten haben. Danach legte die Band eine Pause ein, Beth Ditto wurde Oversize-Muse von Karl Lagerfeld, sie brachte schließlich ihre eigene Kollektion mit XXL-Mode heraus, im letzten Jahr wurde dann auch offiziell das Ende von Gossip bekannt gegeben.

Von Abschiedstrauer keine Spur an diesem Abend im Lido. Wie befreit wirkt Beth Ditto nach dem Jubel am Ende der ersten Nummer. Und gibt dann erst richtig Gas, 66 aufregende Minuten lang. Und auch wenn dann kurz nach 22 Uhr schon Schluss ist, sieht man nur beglückt-verschwitzte Gesichter. Sie verabschiedet sich, nach einer Gossip-Zugabe und sichtlich erleichtert, mit einem Knicks und einem kecken „Tschüssiiii“. Zum Knuddeln!

( Thomas Abeltshauser )