Kultur

Oper auf Raten

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Volker Blech

Nach sieben Jahren Sanierung soll die Staatsoper Unter den Linden am 3. Oktober festlich eröffnet werden. Der reguläre Spielbetrieb wird aber erst später beginnen

Die Eröffnung der Staatsoper Unter den Linden, die nach siebenjähriger Sanierung am 3. Oktober glanzvoll stattfinden soll, ist offenbar noch ­ungesichert. Das wird auch daraus deutlich, dass sich die am Sanierungsvorgang Beteiligten oder davon Betroffenen wie Daniel Barenboims Opernensemble zu dem Thema gar nicht äußern wollen oder nur vage Angaben machen. Aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen war am Montag wieder lediglich zu hören, dass man sich in der Abstimmung befinde. Die laufe sehr intensiv. Formulierungen, die alles und nichts bedeuten.

Der 3. Oktober als Eröffnungstermin wird auf diese Weise nicht bestätigt. In einer letzten Mitteilung hieß es, dass eine Eröffnung 2017 feststeht. Allerdings sind die Stadtentwickler als Bauherren auch dafür verantwortlich, wenn bei der Übergabe an die Künstler etwas schiefgeht. Man hält sich vorsorglich bedeckt. In der Vergangenheit gab es bereits genug Pleiten und Pannen. Die Bauzeit hat sich von drei auf sieben Jahre verlängert, die Kosten sind von 239 Millionen Euro auf rund 400 Millionen gestiegen.

Am entspanntesten reagiert die Kulturverwaltung auf die Nachfrage. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hat am Montag bestätigt, dass er am 3. Oktober als grundsätzlichem Eröffnungstermin festhält. Es gibt natürlich ein Aber. Sein Pressesprecher Daniel Bartsch führt aus, dass in die alte Hülle die modernste Technik eingebaut werde. Das müsse sich alles erst einspielen. Keiner wolle, dass während der Vorstellung der Vorhang nur halb hochgehe. Es gibt also, so Bartsch, eine Übergangsphase bis zum Einsetzen des Regelbetriebes. Das soll irgendwann im Herbst sein. Laut Kalender endet der Herbst in diesem Jahr offiziell am 20. Dezember. Man kann also mutmaßen, dass sich das Ensemble ein Vierteljahr Zeit nimmt, um in den regulären Opernbetrieb zu kommen.

Münchner Orchester musste sein Gastspiel verschieben

Das Thema der Übergangsprobleme ist am Freitag fast beiläufig öffentlich geworden. In München teilte Nikolaus Pont, der Manager des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, bei der Jahrespressekonferenz mit, dass ein für den 14. Oktober geplanter Gastauftritt verschoben werden müsse, da das Haus nach der Wiedereröffnung am 3. Oktober noch nicht voll bespielt werden könne. Das BR-Symphonieorchester mit seinem Chefdirigenten Mariss Jansons wollte in Berlin einen Richard-Strauss-Abend mit dem russischen Starpianisten Daniil Trifonov bestreiten. Wenn er gewusst hätte, was er mit den Anmerkungen in Berlin auslöst, hätte er es anders gehandhabt, sagt Nikolaus Pont am Montag. Da man erst im Januar um nochmalige Bestätigung des Termins gebeten wurde, wurde das Konzert vom Orchester im Jahresprogramm abgedruckt. Auf zwischenzeitliche Nachfrage – mit Hinweis auf den Pressetermin am Freitag – wurde Pont aber mitgeteilt, dass das Konzert aufgrund behördlicher Auflagen am geplanten Termin nicht stattfinden könne. Dass er von „Überprüfung der Fluchtwege oder Ähnlichem“ gesprochen hat, bedauert Pont. Er habe keine Detailkenntnisse. Was den Eröffnungsdruck angeht, verweist Pont auf die kürzlich eröffnete Elbphilharmonie, wo man sich auch ein Vierteljahr Zeit genommen habe, das neue Haus auszutesten. Für das Gastspiel seines Münchner Orchesters werden gerade zwei Ersatztermine noch vor Sommer 2018 geprüft.

Die Staatsoper will sich derzeit weder zur Verschiebung des Konzerts noch zur Wiedereröffnung des sanierten Hauses äußern. Intendant Jürgen Flimm hat immer wieder den 3. Oktober als Eröffnungstermin genannt. Im Moment sagt er offiziell nichts. Dabei ist er ein Zünglein an der Waage. Zuletzt war er als Regisseur der Eröffnungspremiere im Gespräch. Damit stände er also nicht nur als Intendant, sondern auch als Künstler in der Verantwortung, dass alles perfekt läuft. Es wäre zugleich der große Abschied des Intendanten, der Anfang 2018 die Staatsoper verlässt und die Geschäfte an Matthias Schulz übergibt. Aber bislang sind die konkreten Pläne der neuen Saison noch unveröffentlicht. Es wird noch nicht einmal ein Termin für die Jahrespressekonferenz genannt.

Die Wiedereröffnung ist auch eine logistische Herausforderung für die Staatsoper. Derzeit bespielt das Opernensemble noch das Schiller Theater in Charlottenburg. Ursprünglich sollten die Staatsopernleute dort lediglich bis 2013 bleiben. Inzwischen gibt es eine Reihe von neuen Mitarbeiten, die das alte Stammhaus Unter den Linden gar nicht mehr kennen. Denn die Wiedereröffnung wurde von Jahr zu Jahr verschoben.

Die Wiedereröffnung ist große Oper und ein Politikum

Das Abgeordnetenhaus hatte wegen des Sanierungsdesasters 2015 einen eigenen Untersuchungsausschuss eingesetzt. Er tagte ein Jahr lang, es wurden viele Akten gewälzt und 33 Zeugen befragt. Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass offenbar keine Korruption im Spiel war, dafür reichlich Misswirtschaft. Im Abgeordnetenhaus versprach man sich von den Ergebnissen der Untersuchung, künftig bei Großbaustellen alles besser machen zu können. Im Falle des Berliner Flughafens, der aus den negativen Schlagzeilen nicht herauskommt, gelingt das offenbar nicht. Insofern schauen viele gespannt, wie es mit der Staatsoper weitergeht. Die Wiedereröffnung ist große Oper und zugleich ein Politikum.