r Klischees

Eine Bühne voller Trampel

Barrie Kosky inszeniert Modest Mussorgskis „Der Jahrmarkt von Sorotschinzy“

Was für eine Sauerei: An der langen Festtafel voller Leckereien sitzen unzählige Schweine. Manche tragen stolz ihre borstigen Köpfe überm Anzug, andere haben nur einen Rüssel und Ohren im Menschengesicht. Vorne hocken die Ferkel, die sich mit den großen Viechern bald einen vokalen Kampf abliefern. Dazu kommt eine gespenstische Armee in roten Fantasieuniformen, die ebenfalls mitmischt bei der hysterischen Satansanrufung, auf deren Höhepunkt Schweinemasken auf Stelzen anstaksen und den panisch irrlichternden Bauernsohn Grizko in ihre Mitte nehmen.

Wilde Harmonien, stimmungsvolle Tänze

Wie die verschiedenen Parteien einander aufputschen, wie sie aufeinander einstürmen, umhertaumeln und aufschreien, kommt einem zumindest akustisch ziemlich bekannt vor. Die Orchesterfassung dieser Albtraumvision gehört als sinfonische Dichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ zum Kanon der klassischen Musik, wurde mehrfach in Filmen verwendet und ist von außerordentlicher Wirkung. Kein Wunder, dass Intendant Barrie Kosky sie auch szenisch zum Höhepunkt seiner Inszenierung von „Der Jahrmarkt von Sorotschinzy“ an der Komischen Oper macht. Modest Mussorgskis selten gespieltes Werk blieb 1880 unvollendet. Die Fassung von Pawel A. Lamm und Wissarion J. Schebalin betont das Raue, Ungebändigte insbesondere der Instrumentierung. Diese wilden Harmonien, die immer wieder die volksliedhaften Weisen aufmischen, sind denn auch das Beste an der Oper, zusammen mit zwei wundervollen Arien, einigen stimmungsvollen Tänzen und Liedern, die Henrik Nánánsi und das Orchester der Komischen Oper würzig abschmecken und oft erstaunlich filigran aufblühen lassen. An der Handlung, die einer Erzählung Nikolai Gogols entstammt, ist wenig dran: Grizko und Parasja wollen heiraten, Parasjas dominanter Mutter aber ist Grizko zu arm. Dass die beiden einander am Ende dennoch kriegen, liegt auch an einem Aberglauben, nach dem der Teufel alljährlich in Schweingestalt in den Ort kommt, um seinen roten Kittel zurückzufordern.

Das Problematische sind die holzschnittartigen Figuren: herrsch- und selbstsüchtige Mutter, trunksüchtiger, aber gutmütiger Vater, zwei junge Menschen mit reinen Herzen. Das erinnert ebenso an einen russischen Märchenfilm wie weite Strecken von Koskys Inszenierung, weil Kosky das Marionettenhafte der Figuren in Katrin Lea Tags folkloristischen Kostümen nicht bricht oder hinterfragt, sondern ausstellt. Auf der nahezu leeren Bühne entfaltet sich eine krachlederne Komik: Der Vater stolpert besoffen herum, die Mutter schlägt an seinem Kopf die Eier auf, ihr dämlicher Liebhaber legt sie derart flach, dass ihr Kopf in der Torte landet. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Selbst die Figur des Zigeuners, den Kosky als Außenseiterfigur inszeniert, entwickelt keine andere Perspektive auf das derbe Treiben.

Wie sehr dieser Oper ein dramatisches und emotionales Zentrum fehlt, zeigt Koskys Idee, den Abend um Mussorgskis „Lieder und Tänze des Todes“ zu ergänzen. Drei von ihnen wurden für Chor bearbeitet, eines singt Alexander Lewis als Grizko zum Klavier, eine berührende Studie, die seinen Albtraum noch einmal verlängert. Alle vier Nummern sind großartig inszeniert: Zu Beginn klingt der Chor aus der Finsternis und verschwindet am Ende wieder ins Dunkel hinein, einmal singt er vom zweiten Rang aus. Die Lieder sind atemberaubend schön, voller Kontraste und Schmerzpunkte, man möchte heulen. Und sie sind hervorragend gesungen – der Chor der Komischen Oper, vom Kinderchor und dem Vocalconsort Berlin ergänzt, wird am Ende zu Recht euphorisch gefeiert. Was aber sagt es über eine Oper, wenn ausgerechnet die hinzugefügte Musik für die emotionalen Höhepunkte sorgt?

Volkstümliches Sittenbild voller Klischees

Das Zuhören ist auch bei vielen Solisten eine Freude. Am meisten bei Alexander Lewis, der seinen jugendlichen Grizko mit Leidenschaft und Leidensdruck ausstattet. Sein Tenor ist warm grundiert und verletzlich, aber intensiv leuchtend in der hohen Lage. Da steht und singt ein Mensch – und das ist auf dieser Bühne voller Trampel schon sehr viel. Mirka Wagner hat als Parasja nicht viel zu tun, aber ihre große Arie im dritten Akt gestaltet sie als rauschhafte, euphorisierende Bewegung. Die größte Partie stemmt Agnes Zwierko, die ihre Mezzoglut hier den Keiftiraden der Mutter Chiwrja leiht. Ihr gelingt das Kunststück, einerseits szenisch hemmungslos zu übertreiben und gerade dadurch komisch zu sein, andererseits aber auch echtes Mitgefühl einzufordern: Momentweise scheint durch ihre Biestigkeit die Tragik eines schweren Schicksals. Jens Larsens Bauer Tscherewik hingegen ist vor allem laut und besoffen. Was zu oft für die ganze Oper gilt, die ein volkstümliches Sittenbild sein will, aber zu selten über Klischees hinauskommt.

Komische Oper Berlin, Behrenstr. 55–57, Mitte. Termine: 9., 14., 22. April, 13. Mai, 10. Juni und 16. Juli. Karten: 479 974 00.

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