Klassik-Kritik

Eine Spielwiese in den Gefilden der Avantgarde

Vladimir Jurowski mit dem Ensemble United in Berlin

Für den Dirigenten Vladimir Jurowski, der zurzeit maximal charismatischen Figur des Berliner Klassikbetriebs, ist die regelmäßige Arbeit mit dem Ensemble United eine Spielwiese in den Gefilden der zeitgenössischen Musik – für das 1989 gegründete Ensemble seinerseits ist Jurowski ein echtes Zugpferd. Das sorgte auch diesmal im Konzerthaus für ein volles Haus.

Den Anfang macht der Altmeister Edison Denisov (geboren 1929), dessen 1997, kurz nach seinem Tod uraufgeführte Kammersinfonie Nr.2 Merkmale eines kompromisslosen Alterswerks trägt: Dicht und teilweise übereinander gelagert präsentieren sich die musikalischen Ereignisse der solistischen Streicher und Bläser. Und doch hat der Schostakowitsch-Schüler das Gebot der Deutlichkeit so verinnerlicht, dass man den Eindruck unbedingter musikalischer Logik des Erzählens gewinnt – und den Eindruck, statt der 15 Musiker säße ein ausgewachsenes Orchester auf der Bühne.

Altmodisch scheint dies keinen Takt lang – doch das folgende Werk des 1972 geborenen Denisov-Schülers Anton Safro­nov erschließt sich unmittelbarer. In „Chronos ... - Traum“ hört man, wie die Zeit verstreicht – nicht wie das Ticken einer Uhr, sondern wie wir sie wahrnehmen: mal rasend, mal stotternd, mal vergnüglich kreisend, mal scheinbar gar nicht. Safronov ist nicht auf vordergründige Effekte aus, reflektiert viele Instrumentalsprachen des 20. Jahrhunderts und liefert doch ein kurzweiliges, ereignisreiches Stück.

Weit störrischer kommt da das „Adagio molto“ des 2013, im Alter von nicht mal 30 Jahren verstorbenen Komponisten Georgy Dorokhov daher – ein junger Mann, der ganz gegen die Gewohnheit seiner introvertierten Branche offen gegen Putins Russland rebellierte. Mitglieder des Ensembles United blasen tonlos in ihre Instrumente, Dorokhov gewährt der Musik absichtlich keinen Fluss, es ist ein klanggewordenes Stocken von allem und jedem.

Es würde etwas fehlen in diesem so vielfältigen Panorama russischer Musikavantgarde, wenn das Ensemble United am Ende nicht auch den Aspekt des Rituellen aufleuchten ließe: Nicht selten erinnert Galina Ustwolskajas Oktett an die dumpf und hormongesteuert hinkriechende Musik, die Igor Strawinsky für die archaischen Bräuche des heidnischen Russlands fand. Ustwolskaja jedoch gestaltet auch die Freiheit – als Ausbruch aus diesen dumpfen Ritualen. In der Breschnew-Ära war dies sicherlich kein hitverdächtiges Stück, umso mehr jedoch ist es im Berlin der Jetztzeit ein echter Hinhörer.

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