Kultur

Der anständige Verführer

Roland Kaiser stellt sein neues Album in der ausverkauften Mercedes-Benz Arena vor – live, kraftvoll, ironiefrei

Es ist nämlich gar nicht so leicht, über Roland Kaiser zu schreiben, obwohl er wahrscheinlich einfach nur ein anständiger Mann ist, der über unanständige Dinge singt. Meistens geht es in seinen Liedern ja um Seitensprünge ("Warum hast du nicht Nein gesagt?", "Manchmal möchte ich schon mit dir"), im weitesten Sinne also darum, "verbotene Träume" zu erleben ("Joana"). Seltsamerweise nervt er damit aber nicht. Sondern füllt, wie am Sonnabendabend, mal eben die ausverkaufte Berliner Mercedes-Benz Arena. Ich werde zu diesem Konzert geschickt, und ich habe ein bisschen Angst.

Natürlich hätte ich Nein sagen können, aber Kaiser war ein Held meiner Kindheit. Ein Neben-Held zwar nur, ganz oben stand Gott, Karel Gott. Aber die Betonung liegt auf: Kindheit. Das ist mir kürzlich im Gespräch mit der Sex-Kolumnistin Paula Lambert wieder bewusst geworden. Roland Kaiser, hatte sie mir in Clärchens Ballhaus erzählt, sei ihre "erste erotische Rührung" gewesen. So mit fünf oder sechs. Sie habe sich zwar nie Platten gekauft, aber ihre Roland-Kaiser-Leidenschaft sei immer noch ein bisschen da. Komm mit, nötigte ich sie, und sie hat nicht Nein gesagt.

Unsere intellektuelle Annäherung an Kaiser verläuft dann erst einmal etwas unbotmäßig. Während wir auf unseren Plätzen wie sexistische Gören diskutieren, ob man "Roland" eigentlich gut stöhnen könne ("Rolli – nein. Lando: vielleicht"), bewegt sich Kaiser im eleganten Dreiteiler geschmeidig und ohne pseudojugendliche Kaspereien über die Bühne. 64 Jahre ist er alt, zum dritten Mal verheiratet (auf Anja Schüte, die zweite, waren wir damals beide eifersüchtig, stellen wir fest) und vor ein paar Jahren von einer Lungentransplantation genesen. Er ist SPD-Mitglied, engagiert sich in unzähligen Stiftungen und hielt Anfang 2015 in Dresden eine Rede gegen Pegida. Damals wurden auch Leute von ihm mitgerissen, die weder Schlager hören noch irgendwann mal kleine verliebte Mädchen gewesen waren.

Seinen 11.000 "Freunden", wie er sehr ernsthaft sagt, schenkt er auch an diesem Abend immer wieder ein paar Extra-Häppchen Lebenshilfe. Da ist kein Wort zu viel. Es sind kurz und nachdrücklich hingetupfte Gedanken über die Freiheit und die Liebe und das Loslassen, das "weniger Kraft kostet, aber trotzdem schwerer fällt als das Festhalten". Schlagertexte unplugged.

"Auf den Kopf gestellt", so heißt das neue Album. Er singt live, komplett ironiefrei, kein bisschen überheblich oder launig, sondern kraftvoll und eben: sehr anständig. Manchmal möchte ich schon mit dir: Also, Paula, wie sieht es aus? Immer noch vorstellbar? "Im Dunkeln würde ich ja schon", sagt sie, aha, warum im Dunkeln? "Weil die Vergänglichkeit des menschlichen Körpers in solchen Situationen nicht zu deutlich werden sollte." Irgendwie das Gegenteil von Schlagertext. Es lässt sich nicht leugnen: Wir sind kein Teil von dem Ganzen.

Auf einer kleinen freien Fläche im Parkett tanzen Paare unterschiedlichen Alters Foxtrott. Frauen um die Fünfzig mit Kurzhaarfrisuren und im Karohemd, in Blümchenbluse oder Leoparden-Leibchen kieksen um uns herum. Junge Verliebte wiegen sich umschlungen zu den Melodien. Vor uns ein weißhaariges Paar um die 80, sie trägt Pferdeschwanz, er legt seinem alten Mädchen den Arm um die Schulter. "Er war sicher mal ein schöner junger Mann", sagt Paula nachdenklich. Vielleicht sind hier alle freier als das ganze Hipstertum. Froher.

Und dann kommt da dieses Udo-Jürgens-Medley, eine Verbeugung vor dem großen Kollegen. Dass die Leute bei "Aber bitte mit Sahne" fast noch mehr ausrasten, als bei den vorherigen Kaiser-Songs, macht gar nichts. "Die Gefühle sind frei", revolutionsdichtet Kaiser, es fühlt sich nicht illoyal an, es ist genug Liebe für alle da.

Schon Wahnsinn, sagt Paula. "Wenn so viele Leute wegen dir kommen, musst du dein Ego gut an der Leine haben". Dann döst sie beinahe etwas weg. "Schach matt" in einer rasendschnellen Russendisko-Version reißt uns wieder aus den Dämmersekunden.

Jeder Schmerz findeteinen Trostreim

Auch sonst ist ja ständig großes Drama. Trennungen, Einander-aushalten-Müssen, Blicke, die "alles sagen". Aber jeder Schmerz findet seinen Trostreim, jede Lebensknick ist aufgehoben im Viervierteltakt. "Liebe brennt", "Es tut mir weh, wenn ich euch seh'", aber es gibt auch die Flügel, die Seele, die zuversichtlich geballte Schlagersängerfaust.

Überhaupt alle scheinen sich schön und unvergänglich zu finden, sobald sie an die Roland-Kaiser-Zeilen andocken. "Wir sind hier, wir sind nicht allein", heißt es im neuen Lied "Das Beste im Leben": "Wir laufen und wir tanzen/ Werden Teil von etwas Ganzem". Fast drei Stunden hat Roland Kaiser gesungen. Von Ewigkeit und Augenblick. Ich und Wir. Passen zur Zeit ja nicht mehr so richtig zusammen. Oder doch? Dankbarer Applaus dafür, dass es wenigstens diesen Abend lang ein bisschen danach aussah.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.