Kultur

Schonungslose Bilder: Mit dem Finger in die Wunde

Wie ein Haufen heruntergekommener Gesellen wirken sie, die in Tierform dargestellten Richter des Supreme Courts, des Obersten Gerichtshofes der USA. In der Mitte thront ein zerlumpter Hirsch, daneben auf beiden Seiten je zwei weitere kleinere Tiere mit oder ohne Geweih. Teilweise schimmern ihre Schädel durch, der Rest des Fells ist räudig. Vertrauen einflößend ist keine dieser Gestalten. Lüstern blicken sie auf die Reproduktion einer alten Fotografie, die einen vermeintlich ehrwürdigen Herrn im Anzug vertieft ins amouröse Spiel mit einer nackten Dame zeigt. Vor ihnen steht ein Stuhl mit einer verrutscht darauf sitzenden Stoffpuppe: Verloren wirkt sie angesichts der Truppe ihr gegenüber. Selbst das respektable Gebäude des Supreme Courts, repräsentiert durch eine Schwarz-Weiß-Fotografie, kann den Eindruck von Würde nicht wiederherstellen.

So tiefschwarz und bitterböse sahen Ed und Nancy Kienholz bereits 1986 den Zustand der Justitia in ihrem Land. Denn schon vor seiner Wahl 1981 zum amerikanischen Präsidenten hatte Ronald Reagan den Obersten Gerichtshof zum Spielfeld für erzkonservative Interessen erklärt. Seine Gegner befürchteten einen Feldzug gegen Frauen, Minderheiten und soziale Gerechtigkeit. "Drawing for the Caddy Court" nannte das Künstlerpaar die Arbeit, die nun neben anderen kleineren Werken von den 60er- bis 90er-Jahren aus der Betty und Monte Factor Family Collection in der Galerie Sprüth Magers zu sehen ist.

Die sogenannten Drawings, Zeichnungen, sind in Wirklichkeit Material-Assemblagen, die sich auf die überdimensionierten Tableaus beziehen, mit denen sich das Künstlerpaar ansonsten ausdrückt. Als begehbare Installationen mit eingefrorenen Szenen voller physischer und gesellschaftlicher Gewalt laden diese den Betrachter in ein Kabinett des Schreckens ein.

Schonungslos sollte der Spiegel sein, den die beiden Künstler ihren Landsleuten mit ihren dreidimensionalen Erzählbildern aus Schrott- und Flohmarktfunden vorhalten wollten: das Viet­nam-Trauma, Rassismus, Sexismus und der Verrat demokratischer Werte. Betrachtet man die Drawings, welche die Wirkung der Tableaus nur erahnen lassen, wirken sie so abgründig-schrill wie Arbeiten von Jonathan Meese und John Bock.

Sprüth Magers, Oranienburger Straße 18.
Di–Sa, 11–18 Uhr. Bis 8. April

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