Kultur

Reflexionen über die Zeit beim Festival MaerzMusik

Werke von Julius Eastman für vier Konzertflügel zur Eröffnung

Wann das Stück eigentlich angefangen hat, weiß niemand. Noch immer strömen die Besucher ins Silent Green, in die grün ausgeleuchtete Kuppelhalle des ehemaligen städtischen Krematoriums in Wedding. Die MaerzMusik nutzt das Kulturquartier zum ersten Mal. Das Publikum nimmt auf den extra ausgelegten Teppichen Platz, am Rand sitzt die schwedische Komponistin Catherine Christer Hennix im Rollstuhl vor einem Keyboard. Der metallische Klang aus den großen Lautsprechern erinnert irgendwie an ein Cembalo, aber er ist elektronisch erzeugt. Über gut eine Stunde wird die Klangmasse in der Kuppelhalle immer lauter, bis zur Schmerzgrenze. In Hennix' "The Electric Harpsichord" hört man nicht viel mehr, als wie die Zeit verstreicht.

MaerzMusik bewegt sich nach drei Jahren abseits vom Fortschrittspostulat anderer Neue-Musik-Festivals – es schaut gleichermaßen nach vorne und zurück. Die hochpolitischen Ausstellungsmacher von Savvy Contemporary flankieren die MaerzMusik im Keller des Silent Green mit einer Schau zum Werk des afroamerikanischen Komponisten, Pianisten und Sängers Julius Eastman, der Mitbegründer des legendären S.E.M. Ensembles war und 1990 wohnungslos und völlig vergessen in Buffalo starb. In den 70er-Jahren wurde Eastman ein wichtiger Vertreter der Minimal Music, schuf zugleich mit seinen persönlichen Themen Homosexualität und Rassismus eine politische Kunst. Der ägyptische Komponist Hassan Khan nimmt am ersten Abend der MaerzMusik indirekt Bezug auf Eastmans Sinn für formale musikalische Ordnung und individuelle Freiheit des Musikers. Nicht ganz überzeugend und wenig originell klingt allerdings Khans eigene Mischung von vorkomponierten Streichquartett-Klängen und hinzugefügtem, unspezifischem tiefem Rauschen. Musikalisch eher traditionell aber gesellschaftlich aktuell ist ein Vokalstück des New Yorkers Jace Clayton. Sein Wohnbezirk Harlem wird neuerdings jede Nacht von der Polizei mit Flutlicht angestrahlt. Wie in Zeiten der Sklaverei ist der Gesang der Einwohner ein Akt von Protest und zivilem Ungehorsam.

Am Freitag, dem eigentlichen Eröffnungsabend, diesmal an traditionellem Ort im Haus der Berliner Festspiele, erklingt originaler Julius Eastman: die Stücke "Evil Nigger", "Crazy Nigger" und "Gay Guerilla" für jeweils vier Konzertflügel. Wem Eastmans Tonrepetitionen nach zwei Stunden zu sehr in den Ohren klingeln, der kann im Foyer aktuelle Computerspiele zum Thema Zeit ausprobieren. Berno Odo Polzer hat die MaerzMusik zu einem wirklich ungewöhnlichen Musikfest gemacht. Das überdurchschnittlich junge, meinungsstarke Publikum ist zahlreich erschienen. Es wird sicher auch das 28-stündige Konzert "The Long Now" im Kraftwerk Mitte dankbar annehmen.

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