Kultur

So war das Wohnzimmer-Konzert von Depeche Mode in Berlin

Der Gig der britischen Band, der nur für geladene Gäste zugänglich war, wollte nicht so recht in Fahrt kommen.

Sänger Dave Gahan in Aktion

Sänger Dave Gahan in Aktion

Foto: Soeren Stache/dpa

Will man zum Funkhaus Nalepastraße kommen, fährt man vom Ostkreuz lange in Richtung Südosten, vorbei an Einfamilienhäusern. Dann macht die Straße einen Knick nach rechts, und dann kommt für einige Kilometer gar nichts. Bis sich die Schornsteine eines Heizkraftwerks in den Himmel schrauben wie die Kulisse eines Weltuntergangsfilms. Wenn man dann noch ein Stück weiter fährt kommt man zum ehemaligen Gelände des DDR-Rundfunks. Ein Retro-Spuk zwischen Geschichte, Verfall und Reaktivierung, direkt am Wasser gelegen. Kein schlechtes Setting für ein Konzert von Depeche Mode, die nicht nur vor der Wende schon in West-Berlin Platten aufgenommen haben – ihre Musik ist sehr grundsätzlich durchzogen von den Klängen der Industrie.

Dunkelheit herrscht auf dem Gelände des Funkhauses, nur ein paar magentafarbene Spots wurden aufgestellt, den Weg zum Sendesaal zu markieren. Dann biegt man um eine Ecke und steht mitten in einem Fuhrpark von Sendewagen, grell erleuchtet, als seien Außerirdische gelandet, um – schlecht getarnt – Depeche Mode zu lauschen, wie sie ihr 14. Album „Spirit“ präsentieren. Außer ihnen sind nur geladene Gäste zugelassen, und Menschen, die das Glück hatten, eine Karte zu gewinnen. Ein intimer Rahmen also. 1000 Zuschauer. Für eine Band, die sonst das Olympiastadion füllt, ein Wohnzimmerkonzert. Dazu aber kommt paradoxerweise die ganze Welt: der Gig wird live in 360-Grad-Technik im Internet gestreamt.

Jubel bricht los, Handys werden gezückt

Im von Säulen flankierten Foyer sieht es aus wie auf einer Elektronik-Messe. Eine meterhohe Stellwand wirbt für den veranstaltenden Kommunikationskonzern. In einer Ecke steht einsam ein Schlagzeug herum. Auch der Saal, ein in seiner Kreuzung aus Antike und Realsozialismus überraschend elegantes Stück Architektur, ist mit Technik zugebaut. Die wandhohe Orgel an der Stirnseite des Saals wird verdeckt von einer Bühne, wie sie auf jedem Festival der Welt stehen könnte. Davor die üblichen Absperrungen. Soviel zum Thema Intimität.

20 Uhr 03: Depeche Mode schlendern auf die Bühne. Jubel bricht los, Handys werden gezückt und filmen los, auf Verdacht. Zu „Going Backwards“, dem Opener des neuen Albums, schwingt Sänger Dave Gahan die Hüften wie ein dünner Dämon, den es in eine rot-schwarze Hotelpagen-Uniform verschlagen hat. Das ist für Mitte 50 ziemlich sexy. Das Knorrige seines Körpers, dem man den jahrelangen Drogenkonsum ansieht, verstärkt noch den Effekt. Martin Gore dagegen sieht fast so jungenhaft aus wie immer: der Songarbeiter neben der Rampensau, der stille Autor der meisten DM-Hits. Keyboarder Andy Fletcher verschanzt sich hinter Sonnenbrille und Lederjacke, stoisch bis knapp vor der Selbstparodie.

„I can't hear you“ schnauzt Sänger Gahan

Vom neuen Album gibt es nur die politischen Stücke: in „Where's the Revolution“ beschwert sich Gore über das Ausbleiben von Aufständen. Hinter ihm flackern Bilder explodierender Molotowcocktails über die Leinwand, die auch hier nicht fehlen darf – laufen vorwärts, rückwärts, brennen auf der Stelle. Das Publikum will den Refrain nicht richtig mitschmettern: „I can't hear you“ schnauzt Gahan. Kein Wunder, wenn man so ambivalente Messages verbreitet. Überhaupt erstaunlich, wie Depeche Mode so düstere Sounds, so desillusionierte Texte zum Tanzen bringen.

Gahan macht abgeknickte Zeigegesten, die in den dritten Rang eines Fußballstadions zu deuten scheinen – nur dass es den hier nicht gibt. Er wirbelt mit dem Mikroständer quer über die Bühne, wirft die Arme nach hinten, wackelt mit dem schmalen Hintern. Alles irgendwie überdimensioniert, als wüsste die Band nicht so recht, wie sich zu verhalten vor weniger als 80.000 Leuten. Die Grundhysterie im Saal verebbt nach einer Weile. Depeche Mode spüren: das wird kein Selbstläufer, und legen sich mit „Walking in my Shoes“ ins Zeug.

Eben fing es an, gut zu werden, schon ist das Ganze vorbei

Da wird auf einmal das Bild des Livestreams auf die Leinwand geworfen, und alles ergibt Sinn: vom Weitwinkel ins Monumentale gedreht stimmen plötzlich alle Bewegungen, die Schnitte rattern, immer wieder jubelt das Publikum seinem eigenen Bild zu. Dieser Stimmungsverstärker erst produziert das Larger-than-Life-Gefühl, das die Band auf der Bühne braucht. Und sie legen nach: Bei „Personal Jesus“ pulsiert endlich der Saal, Gahan fliegt das Kopfhörerkabel über den Rücken seines weit geöffneten Hemds, die Subbässe wummern. Schreie, Jubel, Stadionchöre.

Doch es hilft nichts: Eben fing es an, gut zu werden, schon ist das Ganze vorbei. Depeche Mode haben eine knappe Stunde gespielt. Ungläubig stehen die Menschen in der Gegend herum. Auf dem Boden liegt ein silberner Luftballon, auf den jemand geschrieben hat: „We love the way you move“. An der Garderobe anzustehen dauert danach gefühlt so lang wie der Auftritt selbst. Immerhin hat sich jemand erbarmt und klöppelt noch ein wenig auf das einsame Schlagzeug in der Ecke ein.

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