Kultur

Fritz Kalkbrenners Heimspiel in Ostberlin

Die Songs der Berliner Kult-DJs handeln von Fernweh, Heimat und durchtanzten Nächten. So war das Konzert im Velodrom.

Foto: Suol/Vitali Gelwich

Schon auf dem Weg vom S-Bahnhof Landsberger Allee spürt man das Wummern der Bässe, das sich mit dem Chlorgeruch der Schwimmhalle nebenan mischt. Tiefe Beats wabern durch das Velodrom, der Saal ist dunkel. Auf der Bühne: Ein DJ-Pult, umgeben von einer Konstruktion, die ein wenig an eine Sonnenbank erinnert. Die Besucher tanzen sich schon mal warm, gespannte Spannung liegt in der Luft.

Plötzlich frenetischer Applaus. Ein Mann im schlichten schwarzen T-Shirt betritt die Bühne. Ein schmissiges "Ich bin Fritz, ich fang jetzt an", sofort dröhnt der Bass los, und die Menge tobt. Der Name Kalkbrenner ist untrennbar mit dem Mythos der Partyhauptstadt Berlin verbunden.

Während der vier Jahre ältere Bruder Paul für seinen Minimal-Techno bekannt ist, kennt man von Fritz vor allem die raue Stimme. Berühmt geworden sind beide mit dem Song "Sky and Sand", der im Soundtrack zum Film "Berlin Calling" vorkam. Paul spielt darin die Hauptrolle eines DJs, der es mit dem Partyleben übertreibt.

Auch im wahren Leben ist Paul der Wildere und Bekanntere der beiden Brüder, Fritz hielt sich lange eher im Hintergrund, arbeitete als Musikjournalist. Für "Sky and Sand" lieferte Paul die Beats, Fritz sang, und die Brüder stellten einen Rekord auf: Kein Song konnte sich länger in den deutschen Singlecharts halten als "Sky and Sand".

Fritz' Musik ist verspielt, melodisch

Plötzlich wollten alle so lässigen Deep House machen, eine rauchige Männerstimme wie die des jüngeren Kalkbrenner mit tiefen Bässen unterlegen. Eignet sich das neue Album auch als Hintergrundmusik in einer Bar in Mitte, so ist das Ganze auf dem Konzert deutlich tanzbarer: Fritz' Musik ist verspielt, melodisch, unterlegt mit treibenden Beats. Dazu mischt er immer mal wieder Songs anderer Interpreten in sein Set, der Bass wird dröhnender, Lichtkegel kreisen über der Menge, die sich im Takt wiegt.

Kalkbrenner mixt die Musik, singt und erzählt zwischendrin gut gelaunt und herzlich kleine Anekdoten von der bisherigen Tour. Das Publikum ist bunt gemischt, junge Nachtschwärmer, Familien, daneben eine Gruppe Frauen, die wahrscheinlich schon Anfang der Neunziger im Tresor oder im E-Werk zu Techno getanzt hat. Elektronische Musik gehört zu Berlin wie die Currywurst.

Fritz Kalkbrenner hat die Clubs der Hauptstadt längst verlassen und füllt weltweit große Hallen. Das Konzert im Velodrom ist ein Heimspiel für den Ostberliner: Hier um die Ecke ist er groß geworden, mittlerweile wohnt er in Friedrichshain, hat Berlin aber nie dauerhaft verlassen.

In Berlin hört die Party niemals auf

Seine Songs handeln von Fernweh und von Heimat, von sonnigen Tagen und durchtanzten Nächten. "I'm looking for waves back home" oder "We'll build a Castle in the sky and in the sand" - das klingt nach Sommer, nach Reisen, nach Partys auf Dachterrassen in der untergehenden Sonne, nach Jugend und vor allem nach Berlin.

Dabei macht er alles selbst - er schreibt die Lieder, singt, produziert und legt auf. Kalkbrenner erfüllt seinem Publikum auch den Wunsch nach ausgiebigen Zugaben; die ganz Tanzwütigen ziehen danach weiter in den Club Kater Blau, dort legt Vorband HRRSN heute Abend noch auf. Denn in Berlin hört die Party niemals auf.

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